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Sucker Punch

USA 2011. R,B: Zack Snyder. B: Steve Shibuya. K: Larry Fong. M: Tyler Bates, Marius De Vries. S: William Hoy. P: Cruel & Unusual Films, Legendary Pictures, Lennox House Films, Warner Bros. Pictures. D: Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Vanessa Hudgens, Jamie Chung, Carla Gugino, Oscar Isaac, Jon Hamm u.a.
109 Min. Warner ab 31.3.11

A Geek's Got to Know His Limitations

Von Asokan Nirmalarajah Der Titel soll hier also Programm sein. Dabei waren die Filme des Videoclip-Regisseurs und Werbefilmers Zack Snyder immer schon berühmt-berüchtigt für den unvermittelten Schlag mit dem audiovisuellen Vorschlaghammer, den uns seine fünfte Spielfilm-Regiearbeit inzwischen im Titel verspricht. Der »sucker punch« traf die Zuschauer dabei oft gleich zu Beginn. Ob es sich nun um die erste abrupte, durch ein kleines Zombie-Mädchen eingeleitete Paniksituation in dem geradlinigen Horror-Remake Dawn of the Dead (2004), das majestätische Sittengemälde einer archaischen Männergesellschaft in dem bildgewaltigen Schlachtenspektakel 300 (2006) oder um die extrem brutale Ermordung eines abgehalfterten Superhelden in der epischen Comic-Adaption Watchmen (2009) handelt, Snyder beginnt in der Regel so virtuos, daß die an diese umwerfenden Eröffnungssequenzen anschließenden Filme im Grunde nur enttäuschen können. So auch nicht anders bei seinem ersten Projekt als Regisseur, Co-Produzent und Co-Autor in Personalunion, einem wilden, ambitionierten, aber wieder einmal eindrucksvoll mißratenen Special-Effects-Märchen, das das Versprechen eines ungefilterten Snyder-Rundumschlags nicht zu wahren vermag.

Handelte es sich bei seinen bisherigen Filmen allesamt um Adaptionen, präsentiert sich Sucker Punch als Snyders erste komplette Eigenkreation. Als wolle er sich nun endgültig des Auteur-Status versichern, pfeffert der frühere Klassenkamerad von Michael Bay und Tarsem Singh den in seiner Melodramatik durchaus mitreißenden Prolog mit allen seinen Markenzeichnen: eine düstere, semi-apokalyptische Atmosphäre, extreme Nahaufnahmen, bedeutungsschwangere Zeitlupen und ein mächtig donnernder Pop-Soundtrack. Daß die in der Ästhetik und Montage eines kunstvollen Musikvideos gestaltete Sequenz den Versuch einer Kindesmißhandlung und einen Kindsmord schildert, mag – wie es der Name von Snyders Produktionsfirma Cruel and Unusual Films verspricht – grausam und ungewöhnlich sein, fügt sich aber problemlos in das sentimentale Emanzipationsdrama, an dem sich der Regisseur versucht. Doch Snyder traut sich mehr zu: Er will sich nicht mit einem psychologischen Drama über junge Frauen in der Psychatrie zufrieden geben, sondern schmeißt gleich so disparate Elemente wie bombastische Fantasy-Action, laszive Tanzeinlagen und Kapriolen zwischen mehreren Bewußtseinsebenen in den Genremix.

Die Burlesque-Sequenzen, in denen die sträflich unterforderten, stets leicht bekleideten Hauptdarstellerinnen des Films als minderjährige Prostituierte auftreten, mußte Snyder für eine jugendfreie Kinofassung aber ebenso schneiden wie einige Sex- und Actionszenen, die, keine Seltenheit in seinem bisherigen Schaffen, erst auf der DVD des angekündigten Director’s Cut das Licht der Welt erblicken werden. Diese Kürzungen verschleiern aber nur bedingt, daß sich der Film, der etwas von einem recht schnell ermündenden Sprint durch all die Filme, Bücher, Animes und Videospiele hat, die Snyder bislang konsumiert und für aufregend befunden hat, in vielerlei Form Baz Luhrmanns überdrehte Musical-Collage Moulin Rouge! (2001) zum Vorbild nimmt. Dort wie hier wird postmoderne Selbstreflexivität ganz groß geschrieben, die Ästhetik überragt den Inhalt, die Outfits und Namen der Figuren genügen zu ihrer archetypischen Ausgestaltung und ein mitunter von den Schauspielern eingesungener Remix-Soundtrack bekannter Pop- und Rock-Songs gibt die Vorlage, zu der Snyder seine furiosen, unfreiwillig komischen Actionsequenzen inszeniert und schneidet. Es sind die wenigen Momente, in denen der brachiale Stil Snyders zur Höchstform aufläuft.

Der freudlose Rest des Films kokettiert mit mutigen formalen und narrativen Entscheidungen, die aber auch immer wieder aufgegeben werden. Das Spiel mit den Realitätsebenen und der konsequente Schluß wären löblich, würde man nicht von der Ineffizienz und einfallslosen Umsetzung dieser Erzählstrategie immer wieder enttäuscht werden. Man könnte den Film, so wie ihn Snyder gerne verstanden haben möchte, als ein selbstkritisches, profeministisches Traktat über den inhärenten Sexismus seines Zielpublikums, der Geek-Gemeinde, deuten, hätte man nicht das Gefühl, daß mit den kindlichen Action-Amazonen in Minirock und Pumps hier – wie bei der abgegriffenen Diskussion um Lara Croft – keine Männerphantasien gebrochen, sondern aggressiv bedient werden. Snyders Kamera fetischisiert schlichtweg alles, der Film ist so verliebt in seine eigenen Bilder, daß er nicht aufhören kann, sie immer wieder zu bremsen und sich in nie endend wollenden Zeitlupen an ihnen zu weiden. Das ist durchaus spaßig für die Länge eines Musikvideos, über die Distanz einer absurden, albernen Handlung mit unsinnigen Dialogen und uninteressanten Figuren aber ein »sucker punch«, dessen Nachwirkung sich viel zu schnell verflüchtigt. 2011-04-04 14:38
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