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Brighton Rock

GB 2010. R,B: Rowan Joffe. K: John Mathieson. S: Joe Walker. M: Martin Phipps. P: BBC Films, Kudos Film and Television, Optimum Releasing. D: John Hurt, Helen Mirren, Sam Riley, Adrian Schiller, Sean Harris, Andrea Riseborough, Nonso Anozie, Steven Robertson u.a.
111 Min. Kinowelt ab 21.4.11

Dunkle Wellen im Neo Brit Noir

Von Frederik König Eine schwere düstere Welle, die im nächtlichen Dunkel tosend gegen die englische Küste rollt, ist das erste Bild in diesem Film nach einem Roman von Graham Greene. Diese kurze Szene steht programmatisch für den gesamten Film: Der Antiheld Pinkie Brown ist das jüngste Mitglied einer dezimierten Gang in der südenglischen Hafenstadt Brighton Mitte der 1960er Jahre, deren Anführer, gleichzeitig Vaterfigur für Pinkie, schon in der zweiten Szene von einem Mitglied der aufstrebenden Konkurrenz erstochen wird. Dieser Moment erschüttert die Seele des jungen Pinkie zutiefst. Wie bei einem Seebeben wird eine dunkle Welle freigesetzt, die ihn unaufhaltsam seinem Schicksal entgegentreibt. Auf seinem Weg zieht der junge Wilde bei dem Versuch, seinem Schicksal zu entgehen, einige Menschen mit in den unausweichlich finsteren Abgrund. Aus Rache tötet er den Mörder seines Mentors. Eine unbeteiligte Passantin wird Zeugin und von ihm verführt, um zu verhindern, daß sie ihn und die Bande bei der Polizei anzeigt. Einer von Pinkies Genossen fordert Schweigegeld für seine Zeugenschaft an dem Mord und wird bald darauf mit einer dicken roten Zuckerstange erstickt am Strand von Brighton aufgefunden. Aber so sehr sich Pinkie zunächst noch müht, bald ist klar, daß er seiner Welle weder entkommen kann noch will…

Sowohl die Ästhetik von Brighton Rock als auch der Charakter des Antihelden Pinkie sind dem Film Noir verwandt und entliehen. Scherenschnittartige Lichtkompositionen, die räumliche Enge der Interieurs oder die seelische Verlorenheit der Menschen, manifestiert in der Figur Pinkies, sind nur einige Elemente, die an den deutschen Stummfilmexpressionismus erinnern, der wesentlichen Einfluß auf die schwarze Serie hatte. Pinkie erfährt im Gegensatz zum klassischen Helden keinerlei Wandlung oder Karthasis. Man muß dem Schauspieler Sam Riley, der Pinkie spielt, nur in sein von Lebensenttäuschung und Welthaß gezeichnetes Gesicht sehen, um zu verstehen, daß diese Figur sich selbst bereits aufgegeben hat. Pinkie sagt bei einem Spaziergang am Meer zu dem Mädchen, daß er nicht an die christliche Vorstellung eines Himmels glaubt. Für ihn gibt es nur eine feurig lodernde Hölle: sein Leben. Er ist damit nicht Sympathieträger des Films, sondern vielmehr die zentrale Konstante, an der die anderen Charaktere brechen oder wachsen. Dies verwirrt zunächst, da man sich wundert, warum sich trotz der Konzentration auf Pinkie keine wirkliche Identifikation entwickelt. Das eigentliche Spannungspotential liegt in der Frage, ob und wie die Menschen an seiner Seite es schaffen, seinem dunklen Sog zu entgehen.

Fast alle großen Romane Graham Greenes, haben bereits ihre filmische Transformation auf der Kinoleinwand erlebt. Brighton Rock wurde ebenfalls schon einmal 1947 mit Richard Attenborough in der Hauptrolle verfilmt. Man erkennt in der aktuellen Adaption erneut die Originalität und Zeitlosigkeit des Stoffs. Greenes Eigenheiten als Erzähler liegen nicht nur in seiner unkonventionellen Dramaturgie, sondern in den vielen kleinen Pointen im erzählerischen Konstrukt, die in eine perfekte Auflösung am Schluß der Geschichte münden. Regisseur Rowan Joffe gelingt es, mit einem auserlesenen Ensemble britischer Schauspieler (u.a. Helen Mirren, John Hurt, Andy Serkis, Andrea Risebourough) Grahams literarischen Text in einer von John Mathieson angemessen fotographierten Bildsprache auf die Leinwand zu bringen.

Graham Greene war in seinem Schaffen sicherlich von T.S. Eliot beeinflußt. Die Figur des Pinkie basiert auf einem Interesse des Autors an der Innerlichkeit und den seelischen Abgründen des Individuums in der Moderne wie sie Eliot in Versepen wie »Das Wüste Land«, einer Metapher für den Geist eines Menschen, beschreibt. In den Bildern von Brighton Rock tritt diese versteckte Poesie manchmal sichtbar zu Tage. Zum Schluß des Films bricht sich die dunkle Welle schließlich an ihrem »Felsen«. Pinkie kann seinem Tod nicht entgehen. Und so endet diese Rezension mit den Worten Eliots:

He who was living is now dead
We who were living are now dying
With a little patience
Here is no water but only rock 2011-04-15 10:44

Abdruck

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