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Der Dieb des Lichts

Svet-Ake. D/F/NL/KS 2010. R,B,D: Aktan Arym Kubat. K: Hassan Kydyraliyev. S: Petar Markovic. M: Andre Matthias. P: Pallas Film, A.S.A.P Films, Volya Films. D: Taalaikan Abazova, Askat Sulaimanov, Asan Amanov, Stanbek Toichubaev u.a.
80 Min. Neue Visionen ab 14.4.11

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Von Martin Wertenbruch Der Dieb des Lichts lautet der holprig angepasste Titel des kirgisischen Originals Svet- Ake, was »Herr Licht« bedeutet. Herr Licht ist ein munterer Familienvater in einem kleinen Dorf irgendwo in der kargen Weite Kirgistans. Mit Frau und Töchtern bewohnt er ein schlichtes kleines Haus mit Hof. Die Wände sind weiß gekalkt, die Türen und Rahmen hellblau und zum Baden muß sich auch der Familienvorstand in einen Zinkzuber klemmen. Seinen Namen verdankt er seinem Beruf; als Dorfelektriker bringt er vor allem die Häuser der anderen zum Leuchten. Mit geschickten Händen bastelt und baut er, repariert die Leitungen der Dorfbewohner – und ab und zu frisiert er auch ihre Stromzähler, damit sie trotz Armut zu Licht und Wärme kommen. Svet-Ake ist ein Stehaufmännchen: leicht naiv und schelmisch, gewitzt und mit Herzenswärme ausgestattet radelt er mit seinem Werkzeug umher und hilft, wo er nur kann. Er fungiert als »die gute Seele« des Dorfes und zugleich als dramaturgisches Medium für den sozio-ökonomischen Wandel, unter dem die dritte Langfilmproduktion des kirgisischen Regisseur steht.

In Deutschland war er erstmals 1998 mit seinem Langfilmdebüt Beshkempir zu sehen, einer poetischen und überwiegend in schwarz-weiß präsentierten Coming-of- Age-Story. Auch diese ist in einem kleinen kirgisischen Dorf inszeniert, mit dem Fokus auf der Kultur der Kinder mit ihren ganz eigenen Regeln und Deutungsmustern. Hier ging es um die innere Wandlung der Charaktere in Hinblick auf die Herausbildung kindlicher/jugendlicher Identität, der ersten Liebe und all das… Und das auf so berührende Weise, daß der Film nicht nur mit dem Silbernen Leoparden in Locarno ausgezeichnet wurde, sondern daß seine Wirkung mit Tschingis Aitmatovs Roman »Dshamilja«, der bekanntlich schönsten Liebesgeschichte der Welt, verglichen wurde.

Zwölf Jahre später haben sich die Verhältnisse in der ehemaligen Sowjetrepublik enorm verändert. Das zentralasiatische Land war und ist in mitunter turbulentem Umbruch begriffen. Auf der einen Seite stehen sich Usbeken und Kirgisen im gemeinsamen Grenzgebiet wiederholt feindlich gegenüber. In einem Konflikt, der schnell und gern ethnisiert wird, aber letztlich doch nicht von den das ganze Land betreffenden politischen Spannungen und vor allem der miserablen Wirtschaftslage ablenken kann. Aber Transformationsprozesse vollziehen sich nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch im Kulturellen und Sozialen. Der Regisseur, Aktan Abdikalikov, verwendet inzwischen wieder die kirgisische Schreibweise seines Namens Aktan Arym Kubat. Er hat Der Dieb des Lichts in der Zeit des als »Tulpenrevolution« bekannt gewordenen Regierungsumsturzes im Jahre 2005 angesiedelt. Wie der stramme Wind, der über die kirgisische Hochebene fegt, fegt auch der Wandel auf der großen Bühne durch das kleine Dorf. Lokale Traditionen und das »neue Kirgistan« treffen aufeinander. Während außer dem alten Bürgermeister und den Polizisten niemand ein Auto besitzt, rollen die Regionalpolitiker im großen Jeep heran. Sie über-rollen sozusagen die traditionelle Institution des Ältestenrates im Dorf, der sich auf dem Teppich sitzend im Gemeindehaus einfindet, um die gemeinsame Zukunft zu beraten. Die neuen Politiker tragen keine traditionellen Filzhüte mehr, stattdessen Anzüge und Sonnenbrillen. Sie installieren einen Computer im Gemeindehaus, in dem es zuvor recht analog zuging. Aber Aktan Abdikalikov alias Aktan Arym Kubat beschränkt sich nicht auf Schwarz-Weiß-Malerei. Stattdessen verknüpft er Altes mit Neuem, Lokales mit Globalem. So interessieren sich chinesische Investoren für die Ländereien des Dorfes, wodurch informelle Landrechte und privatwirtschaftliche Nutzungsinteressen thematisiert werden. Den Gästen zu Ehren wird eine Jurte errichtet, die traditionelle Wohnstätte der vormals nomadisierenden Kirgisen – und Bestandteil der Nationalflagge.

Natürlich birgt das Aufeinandertreffen von Neu und Alt reichlich Stoff für Konflikte. Das verbindende Element – man ahnt es bereits – ist Herr Licht, der sympathische Antiheld dieser improvisatorisch gedrehten Geschichte. Gespielt wird er übrigens vom Regisseur selbst – eine gute Möglichkeit, den agilen aber bislang eher unbekannten Regisseur einmal in Aktion zu sehen. 2011-04-08 12:30

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