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Wer wenn nicht wir

D 2011. R,B: Andres Veiel. K: Judith Kaufmann. S: Hansjörg Weißbrich. M: Annette Focks. P: zero one film. D: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling, Thomas Thieme, Imogen Kogge, Michael Wittenborn, Susanne Lothar, Maria-Victoria Dragus u.a.
124 Min. Senator ab 10.3.11

Neubeleuchtung einer Vorgeschichte

Von Melanie Albrecht Als sein Kater einen aus dem Nest gefallenen Vogel verspeist, ahnt der junge Bernward Vesper, welche Bestrafung dem Tier nun droht und verbirgt es im Hasenstall. Aber der Vater findet das Versteck und erschießt den Kater. Dieser brutale Akt bleibt unbebildert, denn die Kamera zeigt lediglich den Schrecken auf dem verängstigten Gesicht des Jungen, während der Schuß fällt. Das Ganze spielt im Jahre 1949 und setzt in Bernward Vespers Kindheit an. Sein Vater ist der nationalsozialistische »Blut und Boden«-Schriftsteller Will Vesper, der seinem Sohn zur Beruhigung erklärt, daß Katzen aus dem Orient stammten, folglich die Juden des Tierreichs seien. Auch die spätere Biographie des Autors Bernward Vesper ist untrennbar von dieser ebenso privaten wie politischen deutschen Geschichte der Gewalt gezeichnet. Denn er beginnt eine eigensinnige Beziehung mit Gudrun Ensslin, die sich der RAF anschließt.

Der Film mit seinem Alliterations-Power-Titel Wer wenn nicht wir ist eine Annäherung an die Vorgeschichte des Terrors und des deutschen Herbstes. Behandelt wird dennoch ein umfangreicher Geschichtsabschnitt, dessen politische Ereignisse und Verkettungen über Biographieversatzstücke erzählt werden. Ausgehend von Gerd Koenens Sachbuch »Vesper, Ensslin, Baader – Urszenen des deutschen Terrorismus« ist der erste Spielfilm von Andres Veiel nach seinem Dokumentarfilm Black Box BRD (2001) sein zweiter Beitrag zum RAF-Komplex. Dieser endet inhaltlich da, wo Uli Edels Der Baader-Meinhof-Komplex ansetzt. Im Gegensatz zu Edels turbulenter Action werden in einem ruhigeren Erzähltempo die in privatem Raume zugetragenen Kämpfe offen gelegt.

Ensslin kann sich mit den Worten, warum ein Dreieck immer zur Geraden schrumpfen müsse, in die bestehende Beziehung Vespers drängen, die Andere geht. Gewaltdarstellungen werden ab da besonders dann gezeigt, wenn beide Enttäuschung, Wut und Leiden jeweils gegen sich selbst richten, autoaggressiv handeln. Er ertränkt sich fast und sie schneidet sich mit Scherben. Schmerz, Verletzungen und Bitternis verstärken sich über die Jahre. Oft von Vesper betrogen, verläßt sie ihn sowie das gemeinsame Kind Felix für einen Queerclub-Szenegänger. Das ist Andreas Baader, der Ensslin unter Druck setzt, von der Rückkehr in die Kleinfamilie abzusehen. Ein neues Dreieck entsteht, das Familiendrama ist erzählt und die Wunden sitzen tief.

Zwischen diesen Szenen der privaten Verwundung montiert Veiel Bildschleifen, die im kollektiven Gedächtnis verhaftet sind. Wir sehen Atombombentests, Kennedy, Adenauer, Kiesinger, Benno Ohnesorg, den 2. Juni 1967, Vietnamkrise, Kubakrise, Passanteninterviews und besonders irritierend: einen Air Force Flieger, der während des Tötens von Menschen in Vietnam dieses als großartigen fun bezeichnet. Unterlegt sind diese Einschübe mit musikalischen Evergreens, um sie mit der Atmosphäre der Zeit aufzuladen. Drastische Bilder stehen durch diesen altbewährten dramaturgischen Kniff im starken Kontrast zum fröhlich swingenden Song.

Die Archivbilder ergänzen den Spielplot, verorten die individuellen Biographien historisch und dienen der Motivationsfahndung. Was ist geschehen und hat Motive erzeugt, die zu den Taten der RAF führen oder in Drogenkonsum flüchten lassen? Wo liegen Ursprung und Beweggründe eines Anschließens an die linksradikale Gruppierung im Falle Gudrun Ensslin? Diese bricht nicht lediglich mit faschistischen Eltern, sondern will radikaler und bewaffnet den Widerstand fortführen, zu dem ihrem Vater der Mut fehlte. Vesper hingegen verliert sich in Drogentrips, die er vor allem in seinem autobiographischen Romanfragment »Die Reise« eingehend beschreibt. All diesen Brüchen, Verwerfungen und von Trennung geprägten Biographien wird die Form des Films in seiner allzu strengen linearen Erzählweise nur ansatzweise gerecht. Der Film schafft es zwar, ein umfassendes Zeitgeschehen zu verdichten, doch zu wohl strukturiert eingearbeitet ist das dokumentarische Material. Es sind milde Einschübe und keine Risse wie sie die Ereignisse in die Biographien eingeschnitten haben. Andres Veiel kann zwar den Blick auf diese Vorgeschichte durch die Quellenaufbereitung re-sensibilisieren, doch wünscht man sich mehr Wagnis bei der Umsetzung dieser umfangreichen Spurensuche. 2011-03-09 16:08

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