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Glücksformeln

D 2010. R,B: Larissa Trüby. K: Stefan Karle. S: Nikola Gehrke. M: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Bruce Winter. P: Creado Film, Devifilm.
96 Min. Universum ab 14.4.11

Das Glück liegt nicht mehr in der Wiese

Von Alexandra Horn »Disziplin, Eigenverantwortung, ein intaktes Belohnungssystem und ein fester Glaube an sich selbst. Wichtig ist die Konzentration auf das Positive und der Rest der Realität wird derart umgestaltet, daß man seine Ziele erreicht.« So beschreiben Wiebke Lüth und Marc A. Pletzer, NPL-Trainer und zwei Protagonisten des Dokumentarfilms Glücksformeln, den kürzesten Weg zum Glück.

Das Thema Glück boomt und inspiriert von der weltgrößten Happiness-Konferenz in Sydney geht Regisseurin Larissa Trüby den Fragen nach: Was bedeutet das Glück für ganz »normale« Menschen? Was raten Experten und welche Strategien hat die moderne Wissenschaft entwickelt? Dazu führte sie Interviews mit zwölf Experten der Glücksforschung und neun Protagonisten im Alter von 11 bis 90 Jahren. Mit Glücksdatenbanken, Weltkarten des Glücks und Lebenszufriedenheitsskalen untermauern die Glücksforscher den wissenschaftlichen Anspruch ihrer Ergebnisse, die sich laut Professor Diener, in Fachkreisen auch Dr. Happiness genannt, in einer Art Formel zusammenfassen lassen. Glück setzt sich zusammen aus einer positiven, optimistischen Lebenseinstellung, realistischen Zielen, Dankbarkeit und Beziehungsfähigkeit.

Die Elemente der Glücksformel bilden auch im Zusammenschnitt der überwiegend vor Blue Screen inszenierten Interviews so etwas wie den roten Faden. Die Interviews werden zusätzlich von einem plakativen Bilderteppich überlagert, der dem Zuschauer jede Leerstelle nimmt, die er mit Phantasie besetzen könnte. Auch den Protagonisten bleibt wenig Raum, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Ihnen kommt lediglich die Aufgabe zu, die Theorie der Experten mit Leben zu füllen. Die Aussage des Neurologen, der die Wirkung von Endorphinen beim Sport betont, bebildert Trüby zum Beispiel mit Janina beim Joggen. Dazu noch die akustische Untermalung durch den Song »Happiness is just a Chemical« – das ist überdeutlich und wirkt (unfreiwillig) komisch. Kurze Schnitte und wilde Kameraschwenks lassen wenig Zeit zum Nachdenken, Analysieren oder Einfühlen. Auch in den hölzern inszenierten Spielszenen entwickelt sich kaum affektive Nähe zu den portraitierten Menschen. Spürbar wird Glück in den seltenen Momenten, in denen der Film sich Zeit nimmt, die Protagonisten in ihrem Alltag und im (ungestellten) Kontakt zu ihren Mitmenschen zu beobachten. Im Lachen des 90-jährigen Leo mit seinem Urenkel und im Strahlen der Schüler, die gemeinsam einen Ball balancieren.

Die individuelle Bedeutung des Glücks, daß wenigstens zeigen die Protagonisten, läßt sich nicht so leicht in eine Formel pressen. Der 11-jährige Luis ist glücklich, nicht einkaufen gehen zu müssen wie die Erwachsenen. Der ehemalige Fabrikarbeiter Leo erfährt Glück erst nach seiner Pensionierung, der Kulturwissenschaftler Philipp ist glücklich, wenn er Musik macht und Oda Jaune sucht das Glück im Schrecken ihrer Bilder.

Weil Larissa Trüby kein Interesse daran zeigt, ihren eigenen Standpunkt sichtbar zu machen oder Widersprüche herauszuarbeiten, beherrscht die Botschaft der so genannten positiven Psychologie den Film. Die ist selbst unter Glücksforschern nicht unumstritten, weil sie sich ausschließlich auf Veränderungen der inneren Einstellungen konzentriert und soziale Lebensumstände ignoriert. Passend dazu läßt die Regisseurin Prof. Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erklären, daß Geld nicht glücklich macht und für Arbeitslose hat Prof. Diener den Tipp, dankbar zu sein, wenn die Ehefrau noch Arbeit hat.

Bereits in der Auswahl der Interviewpartner offenbart der Film seine eingeschränkte Sichtweise auf das Thema. Die Regisseurin guckt weder über die Grenzen des eigenen Kulturkreises noch über den Tellerrand der Psychologie hinaus, die sich erst seit Mitte der 1990er Jahre an das Thema heranwagt. Auch für Menschen in extremen Lebenssituationen interessiert sie sich nicht. Daher bleibt auch die Kehrseite der Glückssuche in »Glücksformeln« unerwähnt. NLP und positive Psychologie passen hervorragend in eine Leistungsgesellschaft, in der Initiative und Motivation oberstes Gebot sind. Eigenverantwortung, Selbstverwirklichung, Erfolg und Glück sind darin zu selbstverständlichen Ansprüchen geworden, auf deren Scheitern immer mehr Menschen mit Depression und Sucht reagieren. Selbst die Zeitschrift »Psychologie heute« warnt vor einer Tyrannei des Glücks und erinnert daran, daß negative Emotionen nicht nur zum Leben gehören, sondern auch nützlich sein können, weil sie Menschen dazu bringen, kritische Fragen zu stellen.

Überraschende Erkenntnisse liefert im Film die Genforschung. Die behauptet nicht nur, daß Männer beim Grillen unter freiem Himmel besonders glücklich sind, weil wir genetisch gesehen noch immer Jäger und Sammler sind, sondern auch, daß Glück von außen kommt und kaum steuerbar ist. Etwas kleinlaut fügen die Forscher hinzu, daß die Bedingungen für das Glück in unserer Gesellschaft schlechter werden, aber das sei ein anderes Thema.

Der Dokumentarfilm hat sich im Kino eine Nische erobert, indem er kritisch hinterfragt hat, was in den Massenmedien als Wahrheit präsentiert wird. Glücksformeln grenzt sich weder inhaltlich noch ästhetisch vom Fernsehen ab. Um Objektivität und Wissenschaftlichkeit bemüht läßt Trüby eine Stärke des Dokumentarfilms ungenutzt, die auch die Psychologie aus den Augen zu verlieren scheint: die Menschen und ihre individuellen Geschichten in den Mittelpunkt zu stellen. 2011-04-08 10:05
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