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Der Adler der neunten Legion

The Eagle. GB 2010. R: Kevin Macdonald. B: Jeremy Brock. K: Anthony Dodd Mantle. S: Justine Wright. M: Atli Örvarsson. P: Toledo Productions, Film4, Focus Features. D: Channing Tatum, Jamie Bell, Donald Sutherland, Mark Strong, Tahar Rahim, Denis O'Hare, Douglas Henshall, Paul Ritter u.a.
114 Min. Concorde ab 3.3.11

Lateinstunde

Von Frederik König Zwei der ersten Sätze aus der ultimativen Fibel aller Lateinschüler »Ianua nova« (übersetzt: »neue Tür«) lauten ungefähr folgendermaßen »Servus laborat domi – Dominus ambulat per silvae«. Übersetzt heißt dies so viel wie: »Der Sklave arbeitet zu Hause während sein Herr durch den Wald spaziert«. In zwei Sätzen wird hier nicht nur gesellschaftliche Hierarchie, sondern auch die Aufgabentrennung in der antiken römischen Gesellschaft beschrieben. Während die Sklaven, unter Zwang rekrutiert, d.h. verschleppt aus den unterworfenen Völkern, die alltägliche Arbeit übernahmen, konnte sich der römische Bürger den Musen widmen, intellektuell weiterbilden oder eine militärische sowie politische Karriere im römischen Imperium anstreben. Was einen an dem Satz »Servus laborat domi – Dominus ambulat per silvae« verwundern läßt, ist die Frage, warum der Sklave eigentlich den Befehlen seines Herren folgt und zu Hause arbeitet. Was hält ihn davon ab, das Haus zu verlassen, seinen Herren im Wald zu überfallen, ihm den Kopf abzuhauen und als Andenken seine Familie nach Rom zu senden, bevor er auf immer im Dickicht der schützenden Wildnis verschwindet? Der Sklave scheint willig seinen Dienst zu tun. Weder schwere Ketten, grimmige Wachen, Erpressung oder die bei Fluchtversuchen drohende Todesstrafe finden Erwähnung. An dieser Stelle schweigt »Ianua nova«.

In The Eagle von Regisseur Kevin Macdonald nach einer Romanvorlage von Rosemary Sutcliff wird diese Frage erneut gestellt. Hier bricht ein junger römischer Offizier in Begleitung seines treuen Sklaven in das wilde und unbekannte Land jenseits des Hadrian-Walls auf, um auf dem Gebiet des heutigen Schottlands nach seinem Vater, Centurion und Führer der neunten Legion, zu suchen. Er hofft, nicht nur die Familienehre wieder herstellen zu können, sondern auch die Standarte der neunten Legion, den goldenen Adler, Symbol und Inbegriff des römischen Imperialismus, wieder zu finden. Im Feindesland dreht sich jedoch das Verhältnis von Herr und Sklave um, da der Römer jetzt in den Gefilden seines ehemaligen Leibeigenen unterwegs ist. Besonders an dieser Stelle stellt sich für den Zuschauer wieder die Frage, warum der Sklave seinen Herren, dessen Volk für die brutale Ermordung und Schändung seines Stammes verantwortlich ist, nicht einfach den barbarischen Bewohnern des Landes zum Fraß vorwirft. Die Antwort auf die Frage nach dem sozialen Klebstoff, der die beiden zusammenhält, fällt leider recht profan und unglaubwürdig aus: Ehrgefühle sollen hier ein Band des Vertrauens zwischen den beiden Protagonisten spinnen, die eigentlich Todfeinde sein müssten und zum Schluß sogar dicke Freunde werden. Der Römer hat seinem Sklaven das Leben gerettet, deshalb hat dieser sich bis zum Tod auf seinen Herren eingeschworen. Obwohl der Sklave seinen Herren anfangs an die sinnlosen Gräueltaten der Römer an seiner Sippe erinnert, schlachtet er später gemeinsam mit ihm Mitglieder des eigenen Volkes ab.

Die Wahl des Ehren-Motivs als Antrieb ist ein gängiges Element, welches sehr gut ins Testosteron-geschwängerte Historien-Kino eines Mel Gibsons oder Ridley Scotts paßt. Macdonald versucht jedoch seine fiktionale Geschichte in historisch korrekten Rahmenbedingungen zu verorten. Die simple Motivation paßt in das verklärte Bild der antiken Römer, das man in Filmen wie Gladiator wieder findet, stößt sich aber an dem Anspruch, ein authentisches Bild der römischen Kultur zu entwerfen. Leider findet auch in Macdonalds Action-Kino nur eine Konzentration auf den kriegerischen Aspekt der römischen Kultur statt. Die Handlung besteht letzten Endes fast nur aus aneinandergereihten Kampfsequenzen, in denen man über die Figuren nicht viel mehr erfährt, als daß ihr Leben ein einziger Kampf um Ruhm und Ehre zu sein scheint, in dem sie immer wieder ihre Männlichkeit beweisen.

Als aufmerksamer Lateinschüler weiß man, daß es für die Menschen im antiken römischen Reich noch andere Motivationen als Ruhm und Ehre gab: dignitas (Würde), fides (Vertrauen), pietas (Pflichtgefühl) und virtus (Tapferkeit) waren besonders wichtige Werte des römischen Bürgers in Kriegs- wie auch Friedenzeiten. Neben ihren kriegerischen Tätigkeiten schufen die Römer kulturelle Institutionen und legten die Grundpfeiler unseres modernen Humanismus. Es ist schade, daß ein hochkarätiger Filmemacher wie Macdonald, der seine »humanistischen« Ansichten in Filmen wie The Last King of Scotland schon bewiesen hat, auf solch abgedroschene Bilder zurückgreift. Vielleicht fehlte hier in der Vorbereitung der Blick zurück: Sowohl auf die verklärenden Bilder bisheriger Historienfilme als auch die eigentlichen humanistischen Werte der Römer. Abgesehen von den einseitigen Rollenbildern und langweiligen Motivation bleibt The Eagle ein Action-Abenteuer im antiken Szenario, das durchaus Unterhaltungspotential und Schauwerte besitzt. Diese »Schauwerte« sind vor allem die halbnackten, durchtrainierten und verschwitzten Körper der kämpfenden und leidenden Herrschaften, die bestimmt das ein oder andere Pärchen zum Rollenspiel mit Babyöl und Lendenschurz verführen werden. In diesem Sinne: »Te exue sue!« (mach dich nackig, Du Sau!) 2011-02-25 15:33

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