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Pina

D/F 2011. R,B: Wim Wenders. K: Hélène Louvart, Jörg Widmer. S: Toni Froschhammer. M: Matthias Burkert. P: Neue Road Movies, Eurowide Productions.
107 Min. NFP ab 24.2.11

Der Stoff aus dem ihre Stücke sind

Von Constanze Frowein Direkt, nachdem ich die Dunkelheit der Essener Lichtburg verlassen hatte, kniete auf dem Pflaster der Fußgängerpassage ein Obdachloser vor mir nieder. Er flehte mich mit zahnlosem Lächeln und betrunken glitzernden Augen an: »Heiraten Sie mich, junge Frau! Dann gebe ich auch das Trinken auf!« Gerade eben hatte ich die Pressevorführung des Wenders-Films Pina besucht. Noch ganz ergriffen vom Gesehenen entrang mir der Mann ein unmittelbares Lächeln und es ging mir durch den Kopf, daß diese Momentaufnahme aus einem Bausch-Stück hätte stammen können, wo sich Frau und Mann auf der ständigen Suche nach der Erfüllung ihrer Sehnsüchte auf absurdeste und zugleich naheliegendste Art und Weise begegnen.

Alle Stücke von Pina Bausch handeln von tiefsten menschlichen Beweggründen und erzählen mit Sprache, Bewegung, Musik und Schauspiel Geschichten, die nach dem gesehenen Stück nur schwer in Worte gefaßt werden können. Genau deshalb scheint es Pina Bauschs Tanztheater zu geben: Weil sie mit Tanz da anfängt zu erzählen, wo Worte nicht mehr erahnen lassen, was einen bewegt – so oder so ähnlich sagte sie das einmal.

Der Erzählform Pina Bauschs hat sich Wenders dann auch in der filmischen Struktur von Pina angenähert: Die im Sommer 2009 verstorbene Choreographin erarbeitete Stücke, indem sie ihren Tänzern Fragen stellte und sie mit Bewegungen antworten sollten.

Wenders hingegen befragte alle Tänzer zu Pina. Mit direktem Blick in die Kamera erzählen die Tänzer ihre Gedanken mit den Augen – ihre Stimme folgt aus dem Off. Diese Momente verbindet Wenders mit getanzten Antworten. Vier Stücke, die noch von Pina Bausch selbst ausgewählt wurden und nun in voller Fassung dreidimensional als archivierte Dokumente vorliegen, integriert der Film in Ausschnitten in Kombination mit im Ruhrgebiet gedrehten Tanzszenen. Auch das deutet auf eine Grundstruktur in Bauschs Arbeit hin: Mit ihren Tänzern bereiste sie viele Länder. Aus den Reiseeindrücken sind viele Elemente in ihre choreographische Arbeit geflossen. In Pina wandern die Bilder an verschiedene prägnante Orte der Heimat Pinas. Die Aufnahmen erscheinen wie eine geographisch angelegte biographische Suche nach Pina und ihrem Schaffen.

Auch mit der Wahl des Mediums 3D-Film bewegt sich Wenders nah an der Arbeitsweise Pina Bauschs. Eine der ersten filmischen Bühnenperspektiven schiebt sich zwischen ein verschleiertes Bühnenbild. Die Tänzer schieben sich in den für Bausch typischen Wiederholungen dicht an der Kamera vorbei über die Bühne. Endlich scheint man Teil eines Stückes von Pina Bausch sein zu dürfen.

Als eines der von ihr viel genutzten natürlichen Elemente vergegenwärtigt Erde in »Le Sacre du Printemps« den Sinn der genutzten 3D-Technik: Wenn der Torf sich auf den Tänzerkörpern verbindet und ihre Konturen dreidimensional nachzeichnet, meint man den modrigen Geruch und die Angst der panisch verstörten Gestalten der Opferszene beinahe zu riechen. Das Hier und Jetzt der Benjaminschen Aura ist jedes Mal gegenwärtig, wenn man eines der Bauschschen Stücke vor Ort sieht. Mit der Nutzung von 3D wird diese Aura im Film umgeformt in eine vermeintlich erfüllte Sehnsucht, endlich ganz nah dran zu sein am Stoff, aus dem die Stücke Pina Bauschs sind. 2011-02-23 13:35
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