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Man tänker sitt

S 2009. R,B,K,S: Fredrik Wenzel. R,B,S: Henrik Hellström. M: Erik Enocksson. P: Fasad. D: Sebastian Eklund, Jörgen Svensson, Hannes Sandahl, Marek Kostrzewski, Bodil Wessberg, Silas Francéen, Britta Bengtsson, Ann-Louice Johansson u.a.
76 Min. Arsenal Institut ab 3.3.11

Sich Graben

Von Julian Bauer »The greater part of what my neighbours call good I believe in my soul to be bad, and if I repent of anything it is very likely to be my good behavior.« (Thoreau)

Aus dem Dunkel der Leinwand erscheint langsam die Weitläufigkeit eines schwedischen Vorortes in der Abenddämmerung. Ganz langsam fährt die Kamera auf dem Splittweg und macht an der Gabelung eine Drehung zu weit nach rechts, verharrt in einem Garten mit Baum. Gedämpft ist auch der Ton: Leise Schritte auf befestigten und unbefestigten Wegen, kaum wahrnehmbares Rauschen der Natur im Wind.

Söka eventyret – das Abenteuer suchen

Sebastian ist der allwissende Erzähler dieses Films: Ein kleiner Junge, der durch die Nachbarschaft schlendert und zwischendurch Grenzen überschreitet: Eisengerät auf die Fahrbahn einer Landstraße legt oder die Uhr seiner Mutter klaut, um sie dann in einem Gulli fallen zu lassen. Plumps. Sebastian hat viel gemein mit den leicht entrückten Figuren, die er uns mit brüchig stimmhaft zarten Worten flüsternd vorstellt: Jimmy, der mit seinem Baby auf dem Arm ziellos durch die Gegend läuft, und der aus Mißtrauen noch nicht einmal den Schlüssel für das Haus seiner Eltern, seinem Wohnort erhält. Mischa, der alte Einwanderer, der im kleinen Bach nach Fischen jagen geht und der immer wieder Befremden in der Nachbarschaft auslöst. Anders, der zwar alles richtig macht, und dennoch nicht seinem Vater zu genügen scheint. Und so laufen Wut und Unmut auf leisen Sohlen über den schwedischen Kleinbürgerkies. Doch diese kanalisieren sich nicht in bösem Blut, sondern der Thoreau’schen Suche nach Natur.

Ensamhet är inte ensamhet. Fattigdom är inte fattigdom. Svaghet är inte svaghet. – Einsamkeit ist keine Einsamkeit. Armut ist keine Armut. Schwäche ist keine Schwäche.

Die freundliche Spießigkeit beäugt diese vier Menschen, die sich nicht so richtig zurechtfinden wollen. Doch wer sich aus dem Dickicht zu weit in die Zivilisation hineinwagt, kann die höfliche Abneigung direkter zu spüren bekommen. Da lungert Jimmy beispielsweise auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums herum, wo sich kein schützendes Halbdunkel befindet. Hier überblendet die Sonne den Parkplatz zum Ort der Sommertristesse. Die Kamera beobachtet aus der Vogelperspektive, wie Jimmy seinem Kind in einer Parklücke die Windeln wechseln will. Beobachtet wie eine üppige, braungebrannte Frau vorbeikommt und in ihrem Entsetzen über seine Sorglosigkeit versucht ihn davon abzubringen. Die Perspektive der Sonne ist schonungslos. Von oben herab verschwinden die Gesichter unter den Haaren, und zurück bleibt eine allein durch die Körperlichkeit der Figuren dargestellte Aggressivität. Die Frau, die sich als eine vom Amt entpuppt, will ihm das Kind entreißen und Jimmy fordert sie zu verschwinden auf. Es bleibt dabei. Die Zusammenkunft löst sich zögerlich auf. Das (öffentliche) Interesse ist nicht groß genug an diesen Menschen. Auch Sebastian bleibt oft mit sich selbst. Beim Versteckspiel mit anderen Kindern, ist ganz plötzlich keiner mehr aufzufinden. Sebastian, dem immer wieder Thoreaus Weisheiten in den Mund gelegt werden, ist wieder allein. Und das Zwielicht lullt den Tag in eine dem Film typische Vorabendstimmung.

Viele Szenen von Man tänker sitt spielen in diesem Zwielicht: Graue Sommertage, Hochsommerabende, Wanderungen im Dickicht des Waldes. Dadurch erhalten die Bilder des Films einen stärkeren schwarz-weiß Kontrast, der als Gegensatz zu den undurchdringbaren Protagonisten dieses Films angelegt ist. Gleichzeitig ist die Suche nach dem Zwielicht in den Wäldern und an den Sommerabenden ein Ausweichen. Die Figuren entziehen sich ihren täglichen Grenzüberschreitungen auf den Kieswegen zwischen Hecken und Fassaden von Einfamilienhäusern. Gegen Ende des Films legt sich Mischa gar wie ein Tier zum Sterben ins Unterholz. Das ist die in diesem wundervollen Film exerzierte Einsamkeit, die in Sebastians Worten einen tieferen Grund findet: Das Gehirn ist ein Organ, in dem gegraben werden muß. 2011-02-25 12:27
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