— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

The Tree

F/I/AUS 2010. R,B: Julie Bertuccelli. K: Nigel Bluck. S: François Gédigier. M: Grégoire Hetzel. P: Les Films du Poisson, Backup Films, Goalpost Pictures, Taylor Media. D: Charlotte Gainsbourg, Morgana Davies, Marton Csokas, Aden Young, Penne Hackforth-Jones, Gillian Jones, Arthur Dignam, Tom Russell u.a.
100 Min. Pandora ab 3.3.11

Die Alexandra Variationen

Von Cornelis Hähnel Yggdrasil, die Weltesche, in der nordischen Mythologie ein Sinnbild für den gesamten Kosmos, verbindet mit ihren drei Wurzeln alles – räumlich, zeitlich, inhaltlich – miteinander. Überhaupt üben Bäume auf die Menschen eine besondere Faszination aus, ihre Metaphernflexibilität begünstigt den Baumkult, kulturell wie mythologisch, vom »Baum der Erkenntnis« über den Maibaum bis zum Weihnachtsbaum: so ziemlich alles an positivem Symbolismus wird abdeckt. Der Baum ist Spitzenreiter. Zu Recht, denkt man sich da, diese Imposanz, diese unbändige Kraft, dieses Alter, diese massive Photosynthese, all das würde beispielsweise eine Primel nur unzureichend verkörpern.

Das muß auch die australische Autorin Judy Pascoe eingesehen haben, als sie 2002 ihren Debütroman (mit dem unsäglich dämlichen deutschen Titel) »Erzähl mir, großer Baum…« veröffentlichte. Aus der Sicht der achtjährigen Simone erzählt sie die Geschichte des plötzlichen Tod des Vaters, der Trauer der Familie und wie Simone überzeugt ist, ihr toter Vater lebe im Baum neben dem Haus und sie könne mit ihm reden. Als dann ein neuer Mann in das Leben der Mutter tritt, wird der Baum unverhohlen eifersüchtig.

Ja, das muß man erst mal sacken lassen. Mein Vater, der Baum.

Die Vorlage ist auch das große Manko. Denn daß Julie Bertuccelli talentiert ist, hat sie bereits mit ihrem ersten Spielfilm Seit Otar fort ist bewiesen, und auch bei The Tree stellt sie ihre Qualitäten als Regisseurin erneut unter Beweis. Mit aller Kraft inszeniert sie gegen den Pathos und vermag ihn doch nicht auszumerzen. Sie findet Bilder von intensiver Poesie; wenn z. B. ein komplettes Haus auf einem Sattelschlepper durch das staubige Outback von Australien fegt, dann ist das von beeindruckender Schönheit. Auch der riesige, knorrige Baum, der auf dem Anwesen der Familie steht, ist von majestätischer Eleganz und wird glaubhaft als eigenständiger Protagonist eingeführt. Eigentlich hat Bertuccelli alles richtig gemacht, sie hat das richtige Timing, ein Gespür für Zwischentöne, sie gibt den Figuren genügend Raum zur Entfaltung und hat die Emotionsklaviatur größtenteils unter Kontrolle. Aber diese Geschichte! Mit dem Trost durch das metaphysisch veranlagte Geäst kann man ja noch leben, aber wenn der Baum beginnt, der Familie, die sich nach Monaten der Trauer wieder fängt und neuen Lebensmut schöpft, das Leben zur Hölle zu machen, bleibt nur Ratlosigkeit. Und dann ist da noch dieses Mädchen. Ein bis zur Unerträglichkeit altkluges Gör, rasend egoistisch und penetrant. Ständig sagt sie so grauenvolle Sachen wie: »Man hat die Wahl: Man kann glücklich oder traurig sein. Ich habe mich für glücklich entschieden. Und ich bin glücklich«. Die ist acht! Und das erzählt sie ihrer Klassenkameradin! Ein weiteres Problem ist Charlotte Gainsbourg, oder genauer gesagt Lars von Trier. Jeder Zuschauer, der Antichrist gesehen hat, wird nicht umhinkommen, bei The Tree daran zu denken. Wieder ist Charlotte Gainsbourg den Kräften der Natur ausgeliefert, bedrohlich und unaufhaltsam brechen sie in ihr Leben ein. Und wenn Fledermäuse und Kröten wie alttestamentliche Plagen das Haus entern, wartet man nur noch auf den diabolischen Fuchs. Zugegeben, das ist nur dem eigenen Referenzkontext geschuldet, denn Gainsbourg ist brillant wie eh und je, schon alleine ihres präzisen Spiels wegen möchte man den Film mögen – und dennoch…

Wenn sich gegen Ende die Ereignisse unnötig überschlagen, verliert auch die anfangs noch interessante transzendente Ebene ihren Reiz. Zwar bietet der Film auf den ersten Blick unzählige Interpretationsmöglichkeiten, doch werden diese durch den immer dramatischeren Handlungsverlauf vermehrt in eine Richtung gedrängt. Das anfänglich subtile Spiel mit dem Übersinnlichen, das Forcieren der Ungewissheit und die verlockende Ambivalenz der Möglichkeit des Einbruchs des Irrationalen wird zusehends auf die Spitze getrieben und endet in einem zornigen Unwetter von biblischem Ausmaß. Die Metapher hätte nicht deutlicher sein können. Die Geste leider zu groß. The Tree, hat, in der Yggdrasil-Metaphorik gesprochen, somit nur zwei funktionierende Wurzeln, die Wurzel des Inhalts war bereits bei der literarischen Vorlage verkümmert. Vielleicht hätte Julie Bertuccelli doch lieber zu einem Roman über eine Primel gegriffen. 2011-02-25 12:20

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap