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In der Welt habt ihr Angst

D 2010. R,B: Hans W. Geißendörfer. K: Alexander Fischerkoesen. S: Oliver Grothoff. P: Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion. D: Anna Maria Mühe, Max von Thun, Axel Prahl, Hanns Zischler, Kirsten Block, Johannes Allmayer u.a.
110 Min. Movienet ab 3.3.11

Die Mühe wert

Von Natália Wiedmann Eva braucht Geld. Wie eine Hungernde auf der Suche nach Eßbarem wühlt sie sich nachts durch die Schränke in ihres Vaters Haus, so dringend braucht sie Geld: für den Neuanfang mit Jo, ohne Heroin, mit Baby – aber das wissen wir noch nicht, das weiß auch der Vater nicht: Dieser ignoriert die Tatsache, daß sie eingebrochen ist, nimmt ihr ganz ruhig das Scheckbuch aus der Hand und läßt sie durch die Wohnung fegen wie eine Böe, gegen die man zwar nichts ausrichten kann, die aber ohnehin nur von kurzer Dauer ist. Anna ist Eva ist großartig und so gewaltig wie zart, Anna trägt den Film. Denn so intensiv und dicht wie in den ersten Szenen, in denen kein Wort zu viel, kein Bild überflüssig, keine Einstellung zu lang, kein Satz bloß Informationsträger ist, so intensiv geht es nicht lange weiter. Überzeugend noch gelingt der tragische Auftakt: Glaubhaft endet ein mißglückter Diebstahl mit einem Todesfall, landet Jo in Haft, während Eva die Flucht gelingt, dann verliert die Inszenierung ihre Ungezwungenheit. Fortan dient Jo nur noch der Bebilderung einer ebenso mystischen wie reizlosen »inneren Verbindung« der Liebenden, Eva indessen macht Gefangene und wird damit in ein arg konstruiertes Kammerspiel hineinmanövriert, dessen Verlauf die Zuschauer dank überdeutlicher Hinweise problemlos antizipieren können, das in seiner Ausführung aber die Erwartungen enttäuscht, ohne sie produktiv zu untergraben. Zunehmend erscheint die Narration als Antipode ihres zentralen Paares, das doch zumindest ein klar definiertes Ziel hat. Die Motivation des Erzählens liegt hingegen im Unklaren, wird doch letztlich keiner der angerissenen, wichtigen Fragen mit der Konsequenz nachgegangen, die weh täte. Vom Beziehungsdrama um Schuld und Abhängigkeit bleibt – ein Problem, das sich auch Geißendörfers letztem Film Schneeland vorwerfen ließe – nur ein Schatten, der weder emotional noch intellektuell so recht beansprucht oder befriedigt. Mag Mühes Spiel auch die Schwächen aufwiegen, so läßt doch gerade der anfängliche Sog, den der atmosphärisch dichte Bilderrhythmus vielversprechend erzeugt, das unausgeschöpfte Potential sehr bedauern. 2011-02-25 12:16

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.
© 2012, Schnitt Online

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