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Eine Familie

En familie. DK 2010. R,B: Pernille Fischer Christensen. B: Kim Fupz Aakeson. K: Jakob Ihre. S: Janus Billeskov Jansen, Anne Østerud. M: Sebastian Öberg. P: Zentropa Entertainments. D: Johan Philip Asbæk, Jesper Christensen, Lene Maria Christensen, Anne Louise Hassing, Coco Hjardemaal, Gustav Fischer Kjærulff, Line Kruse u.a.
103 Min. Tobis ab 3.3.11

Von Teig und Trauer

Von Kyra Scheurer Es gibt vieles, das man Eine Familie vorwerfen könnte. Zum Beispiel, daß zu Beginn falsche Genreerwartungen geweckt werden mit einer das Label »hippe Indiekomödie« suggerierenden Montagesequenz aus Schrift, Archivmaterialien und Popsongs. Oder daß dramaturgisch unentschieden erzählt wird, gepflanzte Konfliktlinien nicht zu Ende geführt und zentrale Nebenfiguren nicht als eigenständige Charaktere dargestellt werden. Und dennoch: Alle, die die Unterströmungen in ebenso zerrissenen wie eng verbundenen Familienstrukturen kennen und die Erfahrungen mit Trauerprozessen haben, werden nicht umhin können, tief berührt zu sein von diesem Film – ebenso wie alle diejenigen, die den Backwaren verfallen sind. Denn dort nimmt das dänische Melodram seinen Ausgang, in der traditionsreichen, als Hoflieferant agierenden Bäckerdynastie Rheinwald. Stolz und Vorurteil liegen eng beieinander, auch im Wesen von Familienpatriarch Rikard: Stolz auf 18 Sorten Teig und Vorurteile gegen allen neumodischen Quatsch mit Loch in der Mitte. Donuts, Bagel, wer braucht das schon.

Ausgerechnet in die Bagel-Metropole New York aber zieht es Kunsthändlerin Ditte, seine Lieblingstochter aus erster Ehe. Doch an dem Tag, als sie das Angebot einer dortigen Galerie erhält, erfährt sie auch von ihrer Schwangerschaft – eine Belastungsprobe der Beziehung zum unreif-sympathischen Künstlerfreund und eine harte Entscheidung am Ende. Doch das ist erst der Anfang des Films. Als eigentlich alles gut ist: Rikard scheint von einer Krebserkrankung genesen, man feiert, er macht seiner Lebensgefährtin und Mutter seiner zwei jüngsten Kinder einen Antrag und zeigt dem Junior das Herzstück des Clans, ein Weckglas mit Sauerteig. Doch man ahnt es schon, im dänischen Film folgt dem Fest auf dem Fuße das Leid: Bei Rikard werden Metastasen im Gehirn gefunden, ein langer Sterbeprozeß beginnt – und damit für Ditte der zentrale Konflikt zwischen der geplanten Selbstverwirklichung in New York, für die sie gerade ihr Kind geopfert hat und dem Pflichtgefühl, nicht nur bis zuletzt an der Seite des Vaters zu sein, sondern auch seinem immer rigider vorgetragenen Wunsch folge zu leisten, sie möge die Bäckerei übernehmen und die nächsten Jahrzehnte weiterführen. Es ist vor allem das bei aller betonten Zurückhaltung in der Zurschaustellung von Emotion immens intensive Spiel von Schauspiellegende Jesper Christensen, das gemeinsam mit einer ebenfalls großartig verkörperten Protagonistin das emotionale Zentrum des Films bildet. Hier werden die Sollbruchstellen sichtbar zwischen oberflächlich betrachtet ultramoderner Patchwork-Großfamilie und traditionellen Rollenbildern inmitten eines angesichts zunehmender Orientierungslosigkeit an Strahlkraft gewinnenden Wertekonservativismus’, dessen Reiz genau wie die Repressalien fürs familiäre Umfeld sich in der gleichermaßen autoritären wie charismatisch-charmanten Vaterfigur manifestieren.

Genau beobachtend, mit viel Gefühl für beredt schweigende Pausen im Dialog, für kleine Gesten, für die optimale Dauer langer Einstellungen, die Schock, Zerrissenheit oder Sehnsucht im Gesicht der Darsteller nachspüren, inszeniert die Filmemacherin hier ein anrührendes, aber nie sentimentales Familiendrama des erwachsenen Kindes. Und trotz der vielen Aspekte, die im Kleinen zu kritisieren auf der Hand läge, gelingt so im Großen das Wesentliche, eine momentweise tief beeindruckende Authentizität. Am deutlichsten ist dies in der sensiblen Brechung des Todestabus: Eine lange, an der quälenden Echtzeit solcher Lebensherausforderungen orientierten Sterbeszene, die schließlich in die Totenwäsche mündet. Wenn also Eine Familie sich auf seine Dogma-Tradition besinnt, unmittelbar an den Figuren operiert, der Nähe der typischen Handkameraästhetik vertraut und die Reize der Originalschauplätze handlungsstützend zu nutzen weiß, dann entsteht maximale Glaubwürdigkeit. Und die wenigen anderen Momente, die bisweilen unpassende Präsenz leichter Popmusik, den im Verhältnis zur folgenden Entwicklung irgendwie unstimmigen Anfang, allzu berechenbare Plotwendungen und die bisweilen störende Passivität der Hauptfigur verzeiht man letztlich gerne. Denn dieser Film bietet die Chance, wirklich etwas für das eigene Leben mitzunehmen: Universelle Fragen genau wie die Ahnung einer Antwort darauf, was einem selbst wirklich wichtig ist. 2011-02-25 12:08

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