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True Grit

USA 2010. R,B,S: Ethan Coen, Joel Coen. K: Roger Deakins. M: Carter Burwell. P: Scott Rudin Productions, Skydance Productions. D: Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper, Dakin Matthews, Jarlath Conroy, Paul Rae u.a.
110 Min. Paramount ab 24.2.11

Western Promises

Von Patrick Heidmann Über wenig läßt sich so herrlich streiten wie über Filmgeschmack und doch gibt es hin und wieder Regisseure, die auf universelle Gegenliebe beim Publikum zu stoßen scheinen. Könige des cineastischen Konsens sind – und das ist durchaus nicht negativ gemeint – seit geraumer Zeit Ethan und Joel Coen. In den 1980er Jahren noch als seltsame Vögel beäugt und unter Kultverdacht gestellt, werden sie längst von den Cahiers du cinéma genauso gefeiert wie von Omas Fernsehzeitung, vom kritischen Filmwissenschaftsstudenten ebenso wie von den Oscar-Wählern. Wann immer die Coen-Brüder einen neuen Film herausbringen – und das ist ziemlich oft – bricht überall schon reflexartig der Jubel aus.

Es ist nicht so, daß die beiden nicht auch mal danebenlangen, man denke nur an Ladykillers. Doch spätestens seit No Country for Old Men haben sie einen qualitativen Lauf, der solche Fehlgriffe leicht vergessen läßt und selbst einem hoch autobiographischen, gänzlich unprominent besetzten und thematisch wenig publikumswirksamen Film wie A Serious Man mehr Zuschauer beschert als etwa den letzten Filmen von Detlev Buck, Dani Levy oder sogar Woody Allen. Nun ist mit True Grit bereits das nächste Werk fertig – und die Coens halten abermals ihr Niveau.

Einmal mehr widmen sie sich einem neuen Genre und inszenieren ihren ersten Western. Schon 1969 gab es einen Film mit dem Titel True Grit (in Deutschland kam er damals als Der Marshal in die Kinos), doch mehr noch als an diesem John Wayne-Spätwerk orientieren sich die Brüder an dessen Vorlage, dem Roman »Die mutige Mattie« von Charles Portis. Entsprechend ist es auch nicht jener Marshal, sondern eben diese Mattie, die das Zentrum der Geschichte bildet.

Mattie Ross (Hailee Steinfeld) ist ein 14jähriges Mädchen im wilden US-Westen des 19. Jahrhunderts, ausgesprochen selbständig und alles andere als auf den Mund gefallen. Nachdem ihr Vater von Gauner Tom Chaney (Josh Brolin) getötet wurde und von offizieller Seite wenig getan wird, um den Flüchtigen zu stellen, will sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Ein Pferd ist schnell organisiert, doch mit einem Begleiter, der sich in den umliegenden Indianer-Reservaten auskennt und obendrein die nötige Skrupellosigkeit an den Tag legt, sieht es schwieriger aus. Zumindest erweist sich der ihr empfohlene Marshal Rooster Cogburn (Jeff Bridges) als wenig begeistert von dem Job – und vor allem als dauerbetrunkener Griesgram. Doch weil Mattie mit einem Batzen Geld locken kann, macht sich das ungleiche Paar schließlich auf seine Mission, immer mal wieder mit dem Texas Ranger Labeouf (Matt Damon) im Schlepptau, der selbst noch eine Rechnung mit Chaney offen hat.

Der Western präsentiert sich in True Grit als derart passendes Genre für die Coens, daß man sich fast wundert, warum sie sich ihm noch nicht früher gewidmet haben. Allein die ebenso karge wie unwirtliche Landschaft ist ein ganz eigener Hauptdarsteller, den sich die Brüder kaum eigenwilliger hätten ausdenken können. Derweil stellt sich Portis’ Roman schnell als ideale Vorlage heraus. Sowohl der Sinn für bösartig-absurden Humor als auch für unerbittlich-überraschende Gewaltmomente – also zwei der Coenschen Markenzeichen – sind ihm schon immanent und lassen sich nun auf der Leinwand aufs genüßlichste ausbauen.

Daß auch die Mitarbeiter des abermals für Regie, Drehbuch und Schnitt zuständigen Duos zu Höchstleistungen auflaufen, überrascht kaum. Besonders hervorzuheben sind dabei neben Kameralegende Roger Deakins und Komponist Carter Burwell die beiden Protagonisten: Die bislang kaum erfahrene Steinfeld entpuppt sich als eigenwillig zwischen Kindlichkeit und Reife flirrende Entdeckung, während Bridges – in seinem ersten Coen-Film seit dem längst ikonischen Dude-Auftritt in The Big Lebowski – famos lässig den abgehalfterten Vaterersatz wider Willen gibt. So ist True Grit zwar am Ende kein Meilenstein der Filmgeschichte, aber ohne Frage ein meisterlich inszenierter, kurzweiliger Western, der an der allgegenwärtigen Verehrung für die Coens nicht das Geringste ändern wird. Sowie ganz nebenbei übrigens der mit Abstand sehenswerteste Berlinale-Eröffnungsfilm seit Ewigkeiten. 2011-02-18 12:12

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