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The King's Speech

GB/AUS 2010. R: Tom Hooper. B: David Seidler. K: Danny Cohen. S: Tariq Anwar. M: Alexandre Desplat. P: See Saw Films, Bedlam Productions. D: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, Guy Pearce, Michael Gambon, Jennifer Ehle, Timothy Spall, Derek Jacobi u.a.
118 Min. Senator ab 17.2.11

Die Stille nach dem Schluß

Von Edda Bauer Bertie Johnson hat ein Problem: Keine vier zusammenhängenden Worte kommen ihm über die Lippen, ohne daß er immer wieder stockt, schluckt und in Schweiß ausbricht. Ganz privat wöge das ja alles nicht so schlimm, doch zu Berties Stellenbeschreibung gehören öffentliche Auftritte und Ansprachen vor großen Menschenmengen. »Warum sucht er sich nicht einfach einen anderen Job?« fragt da ernsthaft der eher unkonventionelle Sprachlehrer Lionel Logue Berties hilfesuchende Frau Lilibet. Doch, ach, für einen Karrierewechsel steckt Bertie viel zu tief drin, im Familienbetrieb.

Gemeint ist die Royal Family, deren Zweitgeborener den Untertanen besser bekannt ist als Albert, Duke of York, der unheilbare Stotterer. Seine Rede anläßlich der Großen Kolonial Ausstellung 1925 im gigantischen Wembley Stadion ging in die britische Geschichte als Tortur ein, für Zuschauer, Zuhörer an den Radiogeräten und nicht zuletzt auch für ihn selbst. In The King's Speech blendet sie Regisseur Tom Hooper gnädig nach zwei realen und schmerzlich gefühlten 100 Minuten aus. Mehr braucht es auch nicht, um das Leid dieses Mannes, die Dringlichkeit seines Anlieges und den Sinn dieses Films zu klären. Es geht um nichts weniger als Selbstüberwindung, Disziplin, und den Glauben an den eigenen Wert. Es ist die gute alte Hollywood-Mär vom Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-nur-willst und es ist britische Realität. Doch selbst in englischen Geschichtsbüchern ist Albert nur eine Randnotiz, bis 1936, bis zu dem Moment, als sein Bruder Edward VIII abdankt, um die bürgerliche, geschiedene, amerikanische Liebe seines Lebens zu heiraten, oder wie Lilibet es ausdrückt, »diese Frau mit Talenten, wie man sie nur in gewissen Häusern Shanghais erlernen kann«. Jetzt hat Bertie ein noch viel größeres Problem, das ihm später den Beinamen »the reluctant king«, König wider Willen, einbringen wird.

Bei aller inhaltlichen Hollywood-Kompatibilität wählte Regisseur Hooper eine ausgesprochen britische Erzählweise. Das Understatement regiert. Die Royals sind nur einen Tick besser angezogen als der sterbliche Mob und gehen wohl auch nur zwei bis drei Mal mehr im Monat zum Friseur. Die Bonmots sind trocken und wohlgesetzt, spiegeln sich häufig in Helena Bonham Carters, alias Lilibets, gezückten Augenbrauen wieder oder Timothy Spall pafft sie durch Churchills Zigarre. Und wenn Bertie etwas sagen will, senkt man in der Familie oder bei der BBC oder im vollbesetzten Stadion artig den Blick und wartet bis er damit fertig ist – um dann mit dem normalen Leben in normaler Geschwindigkeit fortzufahren. Bei der englisch aristokratischen Contenance, die Colin Firth als Albert, trotz buchstäblich atemberaubender Anstrengung in der Mimik trägt, fragt man sich ein ums andere Mal gar, ob es sich dabei noch um Method Acting oder schon um Botox handelt.

Wie erfrischend unkonventionell, wie sprudelnd geschwätzig und schlicht befreiend wirkt da doch Sprachlehrer Lionel Logue. Er darf das, er ist Australier, sowohl der echte, als auch der, der ihn darstellt. Geoffrey Rush nutzt als Logue die Gelegenheit, ein bißchen die Royals locker zu machen und als er selbst gibt er dem Publikum einen kleinen, aber feinen Potpourri seiner illustersten Rollen zum Besten. Mal ist er genialistischer Zausel à la David Helfgott, mal der Marquis de Sade unter den Logopäden. Dann wieder raunt er dem künftigen König die Macht ins Ohr, mit demselben verschwörerischen Blick, wie weiland bei Elizabeth I. Kurz darauf irrlichtert er mysteriös wie Oberpirat Barbarossa durch die spätviktorianische Szenerie. Tom Hooper läßt Rush nicht nur gewähren, er räumt ihm Platz ein, zum Tänzeln zu Mozarts Klarinettenkonzert, zum Singen und Hüpfen, für große Gesten und kleine Zungenbrecher. Und er gibt ihm Zeit zu schweigen, wenn der König seine Sprache gefunden hat.

Nicht zuletzt deswegen ist The King's Speech zweifellos Colin Firths Film. Stoisch erträgt er Rushs Kapriolen, läßt sich zögerlich darauf ein, um schließlich in einem Rausch von gesungenen Schimpfworten jegliche Verklemmtheit zu verlieren. Dieses außergewöhnliche und ausgesprochen britische Werk schließt mit Alberts, nun King George VI., erster Radioansprache an sein Volk – und nie hat man mehr mitgefiebert und die Daumen gedrückt als bei dieser Kriegserklärung an Nazi-Deutschland. 2011-02-11 11:40

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