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I Killed My Mother

J’ai tué ma mère. CDN 2009. R,B,D: Xavier Dolan. K: Stéphanie Anne Weber Biron. S: Hélène Girard. M: Nicholas Savard- L’Herbier. P: Mililifilms. D: Anne Dorval, François Arnaud, Suzanne Clément, Patricia Tulasne, Niels Schneider, Monique Spaziani, Pierre Chagnon u.a.
100 Min. Kool ab 3.2.11

Mamma mia

Von Sven Lohmann Xavier Dolan war gerademal 19 Jahre alt, als er mit dem kleinen Independent-Coming-of-Age-Film I Killed My Mother sein Regiedebüt produzierte und inszenierte sowie auch gleich selbst die Hauptrolle darin übernahm. Das Presseheft von I Killed My Mother läßt es sich dementsprechend nicht nehmen, Dolan als »Wunderkind« auszuschreien. Seine Frühreife hängt aber womöglich auch damit zusammen, daß er das Showgeschäft regelrecht mit der Muttermilch eingesogen hat: Seit er vier Jahre alt ist, steht er vor der Kamera und hat zuletzt etwa in Martyrs mitgespielt. Hier in Deutschland läuft I Killed My Mother mit einigem Verzug an; in Kanada ist inzwischen, nach vielem Lob für das Debüt, schon sein zweiter Film erschienen und das dritte Projekt entsteht derzeit. Daß wir die kanadische Kleinproduktion hier überhaupt sehen können, liegt gewiß an ihrer Präsenz auf diversen internationalen Festivals. Dort war I Killed My Mother erstaunlich erfolgreich; Dolan errang Nebenpreise in Cannes wie den Prix Regard Jeunes, und darüberhinaus in erklecklicher Anzahl Auszeichnungen wie etwa den Lumière-Preis oder den Goldenen Papageientaucher von Reykjavik.

Der 17jährige Hubert ist nach Dolans Angaben ein autobiographisch eingefärbter Charakter – im gleichen Alter hat auch Dolan das Drehbuch zu I Killed My Mother geschrieben. Im Zentrum des Films steht Huberts Beziehung zu seiner Mutter, die, kurz gesagt, ambivalent ist. Den eifrigen Hubert fordert seine Jugend ohnehin mit Versuchen in Poesie und bildender Kunst genug, und er entdeckt zudem gerade an seinem Freund Antonin seine Neigung zum gleichen Geschlecht. Seine Mutter ist indes das zentrale Objekt, über das seine Erlebnisse fokalisiert werden; sie steht seiner Identität diametral gegenüber. Ihre kurze Aufmerksamkeitsspanne, ihr schlechter Geschmack und ihre Leidenschaft, zu manipulieren, gehen Hubert dergestalt gegen den Strich, daß er in ihrer gesamten Person schließlich nur noch nervtötende und schlichtweg unerträgliche Eigenschaften entdecken kann. Es geht schon los mit den unappetitlichen Frischkäserändern, die sie beim Essen in Großaufnahme um den Mund hat und die Hubert vollkommen auf die Palme bringen. Hubert reicht es, er will sich von seiner Mutter loslösen – mal, indem er bei ihr auszuziehen plant, mal, indem er in der Schule vorlügt, sie sei tot – ganz wie Antoine Doinel in Truffauts Sie küßten und sie schlugen ihn.

Zunächst läßt I Killed My Mother sich durchaus gut an: Er ist ein Film, der sichtbar mit kleinen Mitteln entstanden ist und gerade daher auf gute Einfälle angewiesen ist, die aus wenig viel machen. Und das leistet er. Dolan arbeitet mit visuellen Gags, die sich aus einfachsten Mitteln speisen, liefert sich mit Anne Dorval Wortgefechte, die mitunter köstlich sind – und alles in allem unterhält die kleine Produktion in der ersten halben bis Dreiviertelstunde leidlich. Lobenswert ist zudem, daß Dolan das gewichtig klingende Thema hier eben nicht zu einem schwülstigen Problemfilm aufkocht, sondern es augenzwinkernd mit einem angenehmen Sinn für abstruse Situationen angeht. Mit fortschreitender Handlung aber verrennt sich das anfangs lebendige Buch zusehends in überflüssigen Szenen, ja, es zeigt sich bald, daß der Stoff im Grunde nur für einen etwas längeren Kurzfilm Material hergibt. Hubert hat immer wieder einen Hals auf seine Mutter und will weg von ihr, dann wieder kommt er doch zurück: Diese Handlungsfigur wird gefühlte zwanzig Mal in allen Variationen ausgebreitet, bis es schwierig wird, die Abnabelungsversuche voneinander zu trennen. Dabei ist es wahrhaft keine neuartige Erkenntnis, daß man sowohl mit Frauen als auch ohne nicht leben kann und davon eben auch Mütter nicht ausgenommen sind. So ist I Killed My Mother immer noch zu lang, trotz seiner bescheidenen 96 Minuten Laufzeit: Die Geschichte trägt ihren Umfang nicht. Und ob schließlich Huberts Homosexualität zum Programm des Arthur-Rimbaud-Abklatschs gehört, als den Dolan sich inszeniert, oder ob sie in weiser Voraussicht jeglichen sexuellen Aspekt aus der Mutter-Sohn-Beziehung heraushalten soll – wie auch immer: Das eine ist klischeehaft, das andere bieder. Daß I Killed My Mother so einbricht, ist dabei im Grunde schade, denn Dolan versteht mit seinen schmalen Mitteln durchaus umzugehen. 2011-01-31 12:47

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