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Mein Glück

Schastye moe. D/UA/NL 2010. R,B: Sergei Loznitsa. K: Oleg Mutu. S: Danielius Kokanauskis. P: ma.ja.de., Sota Cinema Group, Lemming Film. D: Viktor Nemets, Wladimir Golowin, Alexei Wertkow, Dimitriy Gotsdiner, Wlad Iwanow, Olga Shuwalowa u.a.
127 Min. Farbfilm ab 3.2.11

Sackgasse

Von Jakob Stählin Sommer im russischen Hinterland. Der Fernfahrer Georgy hat eine Abzweigung verpaßt und findet sich auf einem Marktplatz im Nirgendwo wieder. Eine Minderjährige hat ihm soeben ihren Körper angeboten, ihr ganzes Kapital wie sie sagt. Er lehnt ab, möchte ihr jedoch Lebensmittel kaufen. Beleidigt läßt sie ihn abblitzen. Die Kamera fährt nun aus der Sicht Georgys über den Markt. Statische, verlebte Gesichter reihen sich aneinander, fast fühlt man sich in einem Museum voller Portraits gefangen, das niemals zu enden scheint. Ein mächtiger Sog zieht den Zuschauer in diese Welt, die in langen, stillen Fahrten und statischen Bildern in aller Ruhe zur Schau gestellt wird.

Sergei Loznitsa, der in seinem Spiefilmdebüt auf eine narrative Struktur fast gänzlich verzichtet, nutzt seine Dokumentarfilmerfahrung, um den Zuschauer reinen Beobachter werden zu lassen, der sich ganz und gar selbstständig auf diese Welt einlassen muß, da eine Identifikation schwerfällt. So ist das Betrachten von Mein Glück eine stete Inspektion, ein aufgeregtes Warten auf Struktur und menschliche Logik. Doch Georgys Reise in die postsowjetische Sackgasse wird immer wieder erschüttert von sinnlosen, unbarmherzigen Gewaltspitzen, die würdelos vonstatten gehen und schwer einzuordnen sind. Es wird bald klar, daß Mein Glück keine Erlösung anbieten wird und dies auch überhaupt nicht möchte.

Sergei Loznitsa, dessen Dokumentarfilm Nordlicht bereits das russische Hinterland thematisierte, hat in zwei jeweils sehr kurzen Etappen gedreht, im Sommer und im Winter. Der erste Teil des Films zeigt seine Hauptfigur als aufgeschlossenen Menschen, der durch seine moralische Integrität Gutes an seine Mitmenschen weiterzugeben bereit ist. Sobald der Schnee und die Kälte jedoch Einzug gehalten haben und die überwältigende Flut an grotesker Barbarei und formvollendeter Bitterkeit ihr übriges getan haben, interagiert Georgy nicht mehr. Er läßt geschehen. Wie der Zuschauer hat er das Vertrauen verloren, hier möge sich etwas zum Guten wenden. Gebrochen und stumm irrt er weiter und stößt auf immer mehr Grausamkeit und Ablehnung bis er selbst zum Täter wird.

Diese heftigen Szenen werden in langen Plansequenzen mit perfider Stringenz auf der Leinwand ausgebreitet – laut Regisseur Sergei Loznitsa hat der Film gerade mal 140 Schnitte. Wir wandern mit Georgy durch den Schnee, biegen zu Höfen und verlassenen Häusern ab und mit immer stärker werdendem Mißtrauen erwarten wir allzu oft hinter der nächsten Ecke Mörder, korrupte Polizisten oder machtgeile verwirrte Kriegsveteranen.

Loznitsa entwirft eine Welt in der die Zeit still steht, in der die Menschen sich abschotten und aus ihrer Introvertiertheit eine Machtposition entwickeln, die sich letztlich in faschistischen Formen einen Weg nach aussen bahnt. So entwickelt sich Mein Glück zu einem grotesken Spukkabinett, das jedoch in seinem Realismus so zwingend und ätzend ist, daß man dem Regisseur jedes Wort glauben mag, und sicher ist er nicht weit entfernt von der postsowjetischen Realität. Diese bleischwere Grundstimmung wird von Kameramann Oleg Mutu, der sich bereits durch die Arbeit an Cristian Mungius Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage einen Namen machte, in wunderbaren Bildern eingefangen, die oft einer fast fotographischen Komposition folgen. Doch wo im statischen Bild der Verdacht selbiger bleibt, wird im bewegten aus der Ahnung grausame Realität; um so deutlicher ist hier zu sehen, das Kino sich nicht nur als Möglichkeit der Präsentation eines Films anbietet, sondern in vielen Fällen die einzig angemessene Form ist.

Loznitsas Film wurde dieses Jahr in Cannes als einer der interessantesten Beiträge eingestuft. Zurecht, denn obgleich der Film das Spielfilmdebüt des Regisseurs darstellt, strotzt er nur so vor filmischer Erfahrung und kompositorischer Sicherheit. Der unbedingte Wille, den Zuschauer teilhaben zu lassen an dieser Vision, ist beeindruckend, wenn auch sehr anstrengend. Dennoch lohnt die Sichtung allein schon deshalb, da der Stoizismus in Bezug auf die handwerkliche Präzision in solcher Vollendung wie sie Loznitsa exerziert seinesgleichen sucht und andernorts gerade mal bei Uli Seidl, Michael Haneke und Amos Gitai zu finden ist. Kurz: Großes europäisches Kino, das Rußland jedoch den einen oder anderen Touristen kosten sollte. 2011-01-31 12:41

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