— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Poll

D/A/EST 2010. R,B: Chris Kraus. K: Daniela Knapp. S: Uta Schmidt. M: Annette Focks. P: Kor- des & Kordes Film, Amrion OÜ. D: Edgar Selge, Paula Beer, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy Müller, Enno Trebs, Jewgenij Sitochin, Valentina Väli u.a.
139 Min. Piffl ab 3.2.11

In einem Land vor unserer Zeit

Von Susan Noll Da hat sich einer Großes vorgenommen, das zumindest vermittelt der Einstieg in Chris Kraus’ neuen Film Poll. In tiefem Rot flammen die Buchstaben auf und die Kamera fliegt geschmeidig über ein Haus hinweg, das an einer rauhen Küste im Meer steht, so, als ob es jeden Moment dort hineinstürzte, wenn seine eisernen Stützen wegbrächen. Der eigenartige Titel rekurriert auf einen kleinen Ort in Estland, in dem sich die Handlung der Geschichte so oder so ähnlich wirklich zugetragen hat, wie Kraus sie hier erzählen möchte. Dabei ist schnell klar, daß dies keine kleine Novelle bleiben soll, sondern sich als pompöses Epos gebärdet: Historienfilm und Biographie der jungen Oda in einem. So ist man nach dem voluminösen Vorspann leicht skeptisch, ob der Film seinen hohen Anspruch einlösen kann. Doch Kraus entfaltet ein stimmiges Bild der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in einer Region, die gleichsam von Russen, Deutschen und Esten in Anspruch genommen wurde. Oda platzt nach dem Tod ihrer Mutter in den kleinen Küstenort, in dem ihr Vater, ein ehemaliger Hochschulprofessor und Hirnforscher, ein Laboratorium betreibt. Dort zersägt der von Edgar Selge wunderbar abseitig gespielte Ebbo von Siering Schädeldecken und legt mißgebildete Föten in Alkohol ein. Fasziniert von der Idee, den Ursprung des Bösen im menschlichen Gehirn gefunden zu haben, stapeln sich in seinem Labor unzählige Gläser mit den abschreckensten Beispielen physischer Absurditäten. In dieser morbiden Atmosphäre und der unterkühlten Ehe zwischen Ebbo und seiner zweiten Frau Milla fühlt sich Oda alles andere als wohl und streift durch die von Kamerafrau Daniela Knapp in einer goldenen Farbigkeit fotographierte estnische Küstenlandschaft. Als sie eines Tages einen verletzten estnischen Rebellen findet und diesen im Haus der Familie versteckt, weiß sie nicht, welch politische Handlung sie da gerade vollzieht. Denn genau wie die seltsam angespannte und zwischenweltliche Stimmung in der Familie und dem Ort Poll immer stärker zu kippen droht, scheinen auch das Land und ganz Europa auf einem Pulverfaß zu sitzen, das auf den entscheidenden Funken wartet. Hier setzt der Bildungsprozeß Odas ein, der parallel mit der Zuspitzung der Situation in der Familie und der politischen Lage im Land verläuft. So findet das Epos eine Berechtigung, verwebt kunstvoll individuelle und gesellschaftliche Geschichte und weist noch darüber hinaus. Daß der Wissenschaftler Siering in seinem akribischen Tun dem verbrecherischen Wahnsinn selbst sehr nah ist und auch nicht vor Mord zurückschreckt, deutet die degenerierte Wissenschaft des Nationalsozialismus an. Odas menschliche und politische Formung als Gegenbewegung neben die Entwicklung ihres Vaters und des Krieges zu stellen, hätte auch gefährlich, weil überladen sein können. Es gelingt Kraus aber, in seinem großen Bilderkonzert die richtigen Töne anzuschlagen, was nicht zuletzt an der begabten Jungdarstellerin Paula Beer liegt, die mal kindlich, mal erwachsen, aber immer mit großem Ausdruck zu überzeugen weiß und dem Film dadurch eine anrührende Tiefe verleiht. 2011-01-31 12:35

Abdruck

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap