— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

The Green Wave

D 2010. R,B,K: Ali Samadi Ahadi. S: Barbara Toennieshen, Andreas Menn. M: Ali N. Askin. P: Dreamer Joint Venture Filmproduktion.
82 Min. Camino ab 24.2.11

Die Wahrheit in der Unschärfe

Von Heiko Martens »Nichts ist älter als die Zeitung von gestern« lehrt uns der Volksmund. So sind die Ereignisse aus dem Sommer 2009, die sich vor und nach der »Wiederwahl« des derzeitigen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad in Iran abspielten, nicht das, was einem bei der Nennung der Islamischen Republik als erstes in den Sinn kommt: Die verbalen Entgleisungen Ahmadineschads und natürlich die Atomdebatte stehen davor.

The Green Wave holt die Zeit der Großdemonstrationen im Iran, der Hoffnung auf einen Regierungswechsel, den Wahlbetrug und die Verbrechen der Folgezeit eindringlich wieder zurück. Der in Deutschland lebende Exil-Iraner Ali Samadi Ahadi hatte nach seiner Liebeskomödie Salami Aleikum offenbar das Bedürfnis, sich in ernsthafter Weise mit seiner zweiten Heimat auseinanderzusetzen – und er tut das mit den Mitteln, die ihm als außenstehend Beteiligter und Filmemacher zur Verfügung stehen.

Der Regisseur hat für The Green Wave mit iranischen Intellektuellen klassische Interviews geführt und verwebt diese mit animierten Sequenzen und den Quellen, die ihm die Twitter-, SMS- und Handyfilmkultur der jungen Generation Irans zur Verfügung stellen. Es entsteht eine mitreißende Mischung, die den Faden aufnimmt, als die 2009 anstehenden Wahlen das Versprechen in sich tragen, die korrupte und erfolglose Regierung Ahmadineschads zu beenden. Die junge Generation geht auf die Straße und hofft in Liebe zu ihrem Land auf einen Wechsel. Als dieser – offensichtlich aufgrund von Wahlmanipulationen – nicht zustande kommt, beginnt der Horror. Ahmadineschad bleibt – unter Zuhilfenahme der religiösen Führung – an der Macht. Und was sich in den kommenden Tagen auf den Straßen des Landes, in Gefängnissen und Verließen abspielt, tötet nicht nur die vorher gefeierte Hoffnung, sondert traumatisiert eine ganze Generation.

Daß diese Ereignisse zwar aus der Tagespresse verschwunden sind, im Bewußtsein des iranischen Volkes aber einen nachhaltigen Schock ausgelöst haben, transportiert der Film glaubhaft. Ebenso wie den Umstand, daß dieser Schock zurzeit zwar eher im Verborgenen wirkt, sich aber eines Tages wieder Bahn brechen wird.

Alleinig der Einsatz der Animationen, die aus echten Blogeinträgen die fiktionalisierte Geschichte zweier Studenten weben, erscheint fragwürdig. Diese Sequenzen erinnern in Stil und Anmutung an Walzer mit Bashir, der hier offensichtlich Pate stand. Während die Animationen aber dort noch dazu dienten, dem Unbeschreiblichen Wort und Bild zu geben und eine poetische Wahrheit zu erschaffen, die über das Dokumentarische hinausgeht, bleiben die Animationen in The Green Wave meist den Berichten verhaftet, die sie bebildern.

Die stärksten Momente des Filmes bilden somit die zahlreichen, mehrheitlich mit Handy gefilmten Aufnahmen aus der Zeit, verwackelt, unscharf und mit Originalton unterlegt. In ihnen sind die Hoffnung und die Wucht der demonstrierenden Massen ebenso zu spüren wie die unfaßbare Gewalt, mit der die Staatsmacht im Anschluß an die Wahlen den Aufstand niederknüppelt. Diese Wahrheit holt der Regisseur eindringlich in unser Bewußtsein zurück und verdeutlicht, daß der Film irgendwann zu Ende ist – dieses blutige Kapitel in der Geschichte Irans jedoch nicht. 2011-02-18 10:19

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap