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Another Year

GB 2010. R,B: Mike Leigh. K: Dick Pope. S: Jon Gregory. M: Gary Yershon. P: Film4, Focus Features, Thin Man Films. D: David Bradley, Jim Broadbent, Karina Fernandez, Oliver Maltman, Lesley Manville, Ruth Sheen, Imelda Staunton, Peter Wight u.a.
129 Min. Prokino ab 27.1.11

Ein gelebtes Jahr

Von Julian Bauer FRÜHLING. Ein ausgezehrtes Gesicht in Großaufnahme blickt zur Seite und antwortet auf Fragen einer Ärztin aus dem Off. Jede Antwort ein minimalistisches Gesichtsverzerren. Unruhig, aber beständig. Als der dicke Bauch der schwangeren Ärztin sich ins Bild drückt, scheint das beinahe bedrohlich: hier das sich im Frühling befindende Leben, dort das verlebte Gesicht. Imelda Stauntons Auftritt ist zwar nur von kurzer Dauer, doch ihre Darstellung ist der grandiose Auftakt zu Mike Leighs neuem Film Another Year, der jedoch von da an weniger unterschwellig, unterdrückt voranschreitet.

Die zentralen Figuren des Films sind Tom und Gerri. Ein Kalauer; nicht mehr, denn die Beziehung dieses alternden Paares ist solide und äußerst liebevoll.

SOMMER. Die Jahreszeiten werden nicht nur durch die Zwischentexte im Film sichtbar, sondern insbesondere durch die Aufnahmen im Garten des Paares. Tom und Gerri fahren jedes Wochenende an diesen ruhevollen Ort. Je nach Frühling, Sommer, Herbst oder Winter bestellen sie die Beete. Arbeiten meditativ im Gartenidyll oder trinken unter einem Bretterverschlag Tee, während der Regen die Sicht auf ihre zufriedenen Gesichter zerglitzert. Die Aufnahmen davon sind die stetig wiederkehrenden Ruhepole des Films. Fast so wie das Protagonistenpaar selbst.

Ihre Freunde sind dagegen getriebene Persönlichkeiten. Mary ist eine zur Hysterie neigende Arbeitskollegin von Gerri. Das nervlich Aufgeriebene an ihr ist gar physiognomisch: Das Haar, die Ohrringe, die Kleidung – alles befindet sich im Flirren; stofflich wie farblich, der ständige Versuch des Aufmerksamkeiterzielens.

Ken, einen anderen Freund der Familie, sehen wir das erste Mal gegen die Fahrtrichtung durch den Zwischengang eines Zuges taumeln. Die Physiognomie der Trauer ist hier beleibt. Auch hier bindet Leigh den Seelenzustand an das Körperliche seiner Figur: Ken ist zerknittert wie sein Hemd und stopft sich manisch oder panisch Chips in den Mund, die er mit Bier hinunterspült. Seiner Statur entsprechend, sind die Versuche der eigenen Misere zu entkommen, trampelig, unbeholfen.

Bisweilen ist Leighs Taktik, alle anderen Figuren am idyllischen Gerri und Tom-Universum zu kontrastieren, schmerzhaft. Nicht nur für die Figuren selbst, sondern auch für die Zuschauer, denen die Physiognomie des Elends regelrecht kinematographisch aufgezwungen wird.

HERBST. Im Garten wurde gerade noch geerntet. Nun fährt der dunkle Kombi von Gerri und Tom auf der Autobahn wie ein Sarg durch das Bild. Toms Schwägerin ist gestorben und sein Bruder Ronnie sitzt mit fahler Gesichtsmaske im gräulichen Interieur in einem typisch großbritannischen »terraced house«. Lethargisch starrt er vor sich hin. Ein wenig erinnert das an die Tableaus von Roy Andersson. Verloren in einer Zeit, von der man noch nicht einmal zu sagen wagt, ob es sie je gegeben hat. Das Set-Design fällt in seiner übertriebenen Ästhetik aus dem Konzept des restlichen Films. Um so mehr wirkt auch hier wieder neben der Lebenswelt von Tom und Gerri diese Seelenkulisse fahler. Als Ronnie zur Erholung für eine Weile bei dem Ehepaar einkehrt, zeigt sich auch ihr Haus das erste Mal in kaltgrauen Farbtönen.

WINTER. Frierend steht Mary vor der Haustür. Ronnie sitzt im kühlen Winterlicht im Haus. Alles ist kalt. Sie kommt und friert. Schüttelt sich. Er bewegt sich kaum. Eingefroren. Selbst bei Tom und Gerri kann es kalt werden. Die letzte Einstellung erzählt alles; dabei handelt es sich nur um eine lange Nahaufnahme.

Das Innehalten ist die große Kommentarebene, die Mike Leigh grandios beherrscht. Dabei spielt eine Art Realitätsstrategie Leighs eine bedeutende Rolle. Sie hat weniger damit zu tun, was er zeigt, sondern wie lange er es zeigt. Wo andere Regisseure schon längst weggeschnitten hätten, ist Leigh ausdauernder oder geduldiger. So als könnte sich in der jeweiligen Figur ein Moment des unbeobachteten Fühlens einstellen.

Diese Technik bewirkt letztlich, daß alle Charaktere des Films Protagonisten sind. Nicht alle Konflikte werden ausgetragen. Nicht jedes Gefühl besprochen. Und doch kennen wir am Ende alle. Weil Leigh zeigt; weil er Filme macht. So ist Another Year am Ende einfach ein gelebtes Jahr. 2011-01-24 17:38

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