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Tron: Legacy

Tron Legacy. USA 2010. R: Joseph Kosinski. B: Edward Kitsis, Adam Horowitz, Steven Lisberger. K: Claudio Miranda. S: James Haygood. M: Daft Punk. P: LivePlanet, Walt Disney Productions. D: Jeff Bridges, Garrett Hedlund, Olivia Wilde, Michael Sheen, James Frain, Bruce Boxleitner, Beau Garrett, Serinda Swan u.a.
140 Min. Walt Disney ab 27.1.11

Ende der Kommunikation

Von Werner Busch Manche Dinge darf man sich nicht zu sehr wünschen, sonst gehen sie in Erfüllung. Herzensangelegenheiten insbesondere. Die Fortsetzung zu Steven Lisbergers Tron aus dem Jahr 1982 ist so ein Fall. Ungewöhnlich: Fast 30 Jahre nach dem ersten, im Kino wenig erfolgreichen Film wird eine 200 Millionen Dollar teure Fortsetzung nachgeschoben. Produktionskalkültechnisch ist dies aber keinesfalls unbegründet, da dem Computer-Fantasy-Rührstück besonders in den letzten Jahren eine sich kontinuierlich weiter ausbauende kultische Verehrung wiederfuhr. Tron ist der vielleicht größte kinematographische Sleeper-Hit überhaupt, die Fortsetzung kann auf eine große Fangemeinde weltweit setzen. Das Anheizen freudigster Erwartung wurde von Disney geschickt durch einen frühen Teaser-Trailer initiiert, der bei der ComicCon 2008 für großes Aufsehen sorgte. Der aufwendige Clip entstand lange vor den Dreharbeiten, noch bevor das Projekt das finale grüne Licht hatte. Erst das enthusiastische Echo hierzu ermöglichte die ungewöhnlich späte Fortsetzung zu einem ungewöhnlichen Film.

Ein filmisches Meisterwerk war und ist Lisbergers Tron dabei zweifelsohne nicht. Das Drehbuch ist in vielerlei Hinsicht reichlich naiv und platt, die Dialoge ächzen und knarzen ganz fürchterlich und die Schauspielerführung des Regisseurs darf man unterdurchschnittlich nennen. Herausragend war der 1982er Film vor allem durch seine revolutionären visuellen Effekte. Vollständig computeranimierte Szenen wechselten wunderbar mit – auf klassisch-animatorischem Weg – aufwendig nachbearbeiteten Live-Action-Szenen. Die einmaligen Effekte, zusammen mit den Designs von Syd Mead und Jean Giraud, untermalt mit einem wunderbaren Score von Synthie-Queen Wendy Carlos, machten den Film zu einem bis heute einmaligen Erlebnis. Daran ändert auch Tron: Legacy nichts, der auf eine eigene Optik setzt, die deutlich weniger als erwartet an den Vorgänger erinnert. Im Cyberspace gibt es nun Gewitterwolken, Regen, Dunst und Staub. Die Deaktivierer fliegen mit virtuellen Düsentriebwerken durch die virtuelle Welt.

Prinzipiell wäre diese Eigenständigkeit trotz ihrer Sinnlosigkeit zu begrüßen, jedoch: Sie beschränkt sich nahezu ausschließlich auf den Look. Tron: Legacy ist ansonsten beflissentlich darum bemüht, immer wieder Anknüpfungspunkte an den ersten Film zu finden. Das wird durch die wie ein Abklatsch wirkende Grundgeschichte spürbar erleichtert. Spätestens gegen Ende, wenn wieder drei Hauptfiguren mit einer vertraut aussehenden Sonnenseglersimulation zu einem I/O-Tower unterwegs sind und dabei von einem Schiff, das frappierend an Sarks Carrier erinnert, verfolgt werden, stirnrunzelt man schwer über diese unnötigen und aufgesetzt wirkenden Verweise auf den ersten Film. Würde man all diese zitierenden Handlungselemente entfernen, bliebe kaum etwas übrig.

Lisbergers Tron erwies sich mit seiner Cyber-Guerilla-Geschichte gerade in den vergangenen Jahren als visionäres Kino-Kleinod. Ein Computernetzwerk wird durch eine größenwahnsinnige Instanz unterjocht, deren ursprünglicher Entstehungsgrund längst gegenüber reinem Kontroll- und Machtselbstzweck zurückgetreten ist. Freie Programme und idealistische Programmierer triumphieren aber und geben dem gesamten System, und mit ihm den Informationen, die Freiheit wieder. Aktueller könnte im ausgehenden Jahr 2010 kaum ein Filmstoff sein. Die Übersiedlung der Menschheit in die Virtualität hat begonnen, die Kybernetik wird das himmlische Jerusalem ersetzen. Die Macher von Tron: Legacy versäumten es allerdings, von ihrem Fanfilm-Reißbrett aufzusehen. Technisch gekonnt wird den altgewordenen Tron-Guys Filmfutter im Trog gereicht, leidlich unterhaltsam, inhaltlich aber wie eine schmutzige Lagerhalle voller gestohlener Kindheitserinnerungen. Daran können auch der hübsche Score von Daft Punk und das angenehm düstere Design der virtuellen Welt nichts ändern. Jeff Bridges’ Revival als Kevin Flynn, vielleicht das größte Highlight der Fortsetzung, vollzieht sich leider auch in Form einer jediesken Kuttengestalt, der bei Drehbuchnot auch Superkräfte zur Verfügung stehen. Filme für Geld gegen unkäufliche Liebe. Disney lehrt: »Sehnsucht ist etwas Wunderschönes! Denn die Liebe, die Du suchst, findest Du im Puff.«

Ende der Kommunikation. 2011-01-24 17:30

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