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Vorstadtkrokodile 3

D 2010. R: Wolfgang Groos. B: Thomas Bahmann, Ralf Hertwig, Christian Ditter. K: Bernhard Jasper. S: Martin Wolf, Sandy Saffeels, Ueli Christen. M: Heiko Maile, Christoph Zirngibl. P: Westside Filmproduktion, Rat Pack Filmproduktion, Constantin Film Produktion. D: Nick Romeo Reimann, Fabian Halbig, Leonie Tepe, Manuel Steitz, Javidan Imani, Robin Walter, David Hürten, Ella Maria Gollmer u.a.
83 Min. Constantin ab 20.1.11

Zum Abschied Krokodilstränen

Von Natália Wiedmann Es gilt noch so viel von Dänen zu lernen – zum Beispiel von ihren Kinderfilmen. In diesem konkreten Fall von Klatretøsen (Kletter-Ida), mit dem Hans Fabian Wullenweber 2002 das Heist-Genre erfolgreich für ein junges Publikum adaptierte: Weil das Leben ihres Vater nur durch eine kostspielige Operation gerettet werden kann, bricht Ida mit zwei Freunden in eine Bank ein, um das nötige Geld zu stehlen. Ersetzt man den Vater durch einen Freund, die Bank durch ein Gefängnis und Geld durch eine Leber (respektive das menschliche Behältnis drum herum), so ist man beim Plot des dritten Films um die Kinder-/Jugendbande Vorstadtkrokodile. Nachdem nämlich Bandenmitglied Frank durch einen Unfall einen Leberriß davonträgt, kann ihm nur noch die Lebendspende seines Bruders retten – jenes Bruders, den die Vorstadtkrokodile in ihrem ersten Filmabenteuer überhaupt erst ins Gefängnis brachten. Im Übrigen ist die Bande auch an dem Unfall nicht ganz unbeteiligt, was insofern eine Rolle spielt, als es dies nicht tut: Für den Verlauf der restlichen Handlung hat es ebensowenig Relevanz wie die Beziehungsprobleme zweier Protagonisten, mit denen der Film eingeläutet wird.

Wo also Erwartungen aufgebaut werden, werden sie nicht eingelöst, wo sie gebraucht würden, gar nicht erst aufgebaut: Statt mit einer langen Planungsphase des großen Coups die zu überwindenden Schwierigkeiten darzulegen und drohende Gefahren zu antizipieren, werden die Probleme gebannt noch bevor sie erkannt werden, die äußeren Umstände so zurechtgeschrieben, daß sie den geringstmöglichen Widerstand bieten. Aber ein Splitscreen macht noch keine Spannung (insbesondere dann nicht, wenn beide Bildflächen das Gleiche zeigen), und die Häufung glücklicher Zu- und Einfälle, die dazu gedacht sein mochte, husch husch zur Ausbruchsaction zu führen und alles ganz dynamisch und aufregend erscheinen zu lassen, bewirkt schließlich das Gegenteil.

Mit dieser Schludrigkeit kann man sein Glück eigentlich nur bei den sehr jungen Kinogängern versuchen, die in der Regel – sehr zum Vorteil so vieler Kinderfilme – über geringe Filmerfahrung verfügen und mangels größerer Vergleichsmöglichkeiten oft mit wenig schon zufrieden sind. Klamauk, Knallchargen und naiver Optimismus komplettieren die Anbiederung an das Grundschulpublikum und lassen die Light-Version eines Gogo-Tanzes ebenso deplatziert wirken, wie sie der ernsten Ausgangslage spotten. Zum besonderen Glück für dieses Krokodilsabenteuer, das nebenbei bemerkt auch vom einstigen Lokalkolorit und die meiste Zeit über von mehreren Bandenmitgliedern bereinigt ist, werden nicht viele Zuschauer die sehr unvorteilhaften Vergleiche zu Kletter-Ida ziehen können – der Durchschnittskrokofan lag ja noch in den Windeln, als der Film damals Publikum wie Kritiker begeisterte. Die letzten neun Jahre haben ihn kaum altern lassen; noch immer kann er als Beispiel dafür herhalten, daß ein guter Kinderfilm auch das erwachsene Publikum zu fesseln versteht. Clever setzten die jungen Protagonisten ihre vermeintliche Schwäche als Stärke ein und nutzten das verklärte Kindheitsbild der Erwachsenen gnadenlos aus; geschickt wurde die Vorgeschichte zur Spannungssteigerung genutzt, schlüssig nahmen die Beziehungen zwischen den Figuren auf die Handlung Einfluß, gekonnt wurde auch dadurch Spannung aufgebaut, daß der glückliche Ausgang bis zuletzt ungewiß blieb.

Einen kleinen Rückschlag gibt es für die kesse Krokobande freilich auch, irgendwie wollen 83 Minuten ja gefüllt werden. Doch seid unbesorgt, liebe Kinderlein, denn ein für nachfolgende Maßnahmen hinderliches Nachspiel bleibt natürlich aus – das hat sich schon längst zusammen mit allen zwischenmenschlichen Konflikten und der Plausibilität in Wohlgefallen aufgelöst. Und dieses Wohlgefallen verbreitet sich so unaufhaltsam wie eine fiese Erkältung in überfüllter U-Bahn und alle werden davon ergriffen und neuer Mut gefasst und ein neuer Plan geschmiedet und neue Verbündete im Nu gewonnen und am Ende wird alles, alles wieder gut. Nur das Drehbuch nicht, das die Jugendlichen zum Abschied noch ein bißchen sinnieren und so schlimme Sätze aufsagen läßt wie »Die Zeit der Kinderbanden ist vorbei« – darauf eine Krokodilsträne. 2011-01-19 16:31

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