— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Glückliche Fügung

D 2009. R,B: Isabelle Stever. B: Anke Stelling. K: Bernhard Keller. S: Bettina Böhler. M: Yoyo Röhm, Jupiter Moll, Louis Marioth. P: moneypenny filmproduktion. D: Annika Kuhl, Stefan Rudolf, Arno Frisch, Petra Kelling, Maria Simon, Hanns Zischler, Jana Thies, Juan Carlos López u.a.
90 Min. Movienet ab 20.1.11

Spießer without a cause

Von Matthias Wannhoff Es ist ein Genuß, dieser Frau beim Beobachten zuzuschauen. Wie sie da an der Theke steht, an ihrem Longdrink nippt und nur kurz den Blick hebt, der sofort ein ganzes Prisma an Empfindungen offenbart: Lethargie, Verletzung, zugleich etwas diffus Zerstörerisches, eine Frau als Rätsel. Annika Kuhl spielt diese Frau, eine Mittdreißigerin namens Simone, die sich entschieden hat, ihr Leben als angewandte Chaostheorie zu führen. Eine Anti-Antigone, die in ihrem Verhalten von nichts und niemandem gesteuert wird, keinen Idealen, keinem Gott und keinem Über-Ich, die unentwegt den Zufall herausfordert: eine zutiefst unmoralische Versuchsanordnung. In der Silvesternacht hat sie allem Anschein nach ungeschützten Sex mit einem Fremden und wird schwanger, doch daß ihr One-Night-Stand an Familiengründung nicht uninteressiert ist, erfährt sie erst, als sie ihm zufällig nach einem Arztbesuch über den Weg läuft – der Tausch von Handynummern hätte wohl ein Zuviel an Verbindlichkeit bedeutet. Hannes, der als Krankenpfleger arbeitet, ist jedenfalls das, was man landläufig als »nett« bezeichnet und beschafft dem jungen Paar ein Eigenheim am Stadtrand – ein Setting, in das sich Simone überraschend widerstandslos einfügt. Diese Frau bleibt ein Rätsel.

Nun ist das Offenlassen von Fragen ein Kniff, mit dem man im deutschsprachigen Kino nicht gerade unterversorgt ist. Daß die »transzendentale Obdachlosigkeit« (Lukácz) in eine postmoderne Sprachlosigkeit umgedeutet, das moralische Vakuum durch formale Strenge gefüllt wird, ist kein neues Phänomen. Wollte man böse sein, könnte man die Lage wie folgt umreißen: Bringt ein unerhörtes Skandalon die Bilder zum Erkalten und die Dialoge zum Verstummen – entweder weil sie ein Echo jenes Ereignisses sind oder weil sie darauf hindeuten –, dann handelt es sich um einen Film von Michael Haneke. Wirken Bild und Wort in ihrer Starre zwar so, als steuerten sie geradewegs auf ein Unheil zu, lösen dieses Versprechen jedoch nicht ein, dann handelt es sich um einen Film aus dem Dunstkreis der »Berliner Schule« (dem auch Glückliche Fügung zuzurechnen ist).

Wer sich nun an der Leerstelle dort, wo er die Klimax erwartet hätte, stößt, muß mit der Kritik leben, er sei einer internalisierten Rezeptionshaltung aufgesessen, die hinter jedem Windstoß den großen Knall wähnt. Weder dies noch die filmische Konsequenz, diese Erwartungen zu enttäuschen, ist per se falsch. Das Problem von Isabelle Stevers drittem Langfilm ist allerdings, daß er die Vor-Urteile, die er nicht bestätigen mag, gewissermaßen selbst aufbaut. Simone etwa ist, zu soviel Psychologisierung ist das Drehbuch bereit, offenbar psychisch krank – was für den Zuschauer jedoch nur über Symptome erfahrbar wird. Dabei hätte ein wenig »talking cure«, also Dialog, auch der Annäherung an diese hochinteressante Figur geholfen, stattdessen bebildert Stever vor allem Banalitäten. Manch einer mag dies Lebensnähe nennen. Ein Irrglaube: Denn man muß es sich schon als Kraftakt vorstellen, seinen Figuren derart das Leben, ihrem Miteinander das Diskursive auszusaugen. So unpolitisch, wie die Generation Mitte Dreißig hier dargestellt wird, ist sie nicht einmal auf dem Prenzlauer Berg.

In zwei Punkten hebt sich Glückliche Fügung deutlich von anderen Vertretern der »Berliner Schule« ab: zum einen durch den auffällig dominanten Soundtrack, zum anderen durch eine offene Freude am poetischen Spiel mit Farben und Landschaft. So schenkt Stever ihrer herausragenden Hauptakteurin zahlreiche Einstellungen, von denen jede für sich ein kleines Kunstwerk ist. Die dramaturgische Enthaltsamkeit wird dafür umso rigider durchgezogen. Zu sagen, Stever erzähle elliptisch, wäre untertrieben, sie beschneidet ihre Figuren auch vertikal. Der asketische Gestus wird solange durchgehalten, bis sich das erzählerische Faß der häuslichen Gewalt öffnet. »Bitte, tu’ das nicht«, fleht die Heldin. Doch kaum ist man gewillt, sich das erste Mal eindeutig auf ihre Seite zu stellen und selbige Bitte an den Film zu richten, da ist es schon zu spät und Glückliche Fügung in den dramaturgischen Modus des Fernsehspiels übergelaufen. Aber nur für einen kurzen Moment. Wäre Glückliche Fügung kein Film, sondern ein Musikstück, es bestünde aus einer einzigen Harmoniefolge, die stets bei der Dominanten abbricht. 2011-01-18 09:28

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap