— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Im Alter von Ellen

D/F 2010. R,B: Pia Marais. B: Horst Markgraf. K: Hélène Louvart. S: Mona Bräuer. M: Horst Markgraf. P: Pandora Filmproduk- tions GmbH. D: Jeanne Balibar, Stefan Stern, Georg Friedrich, Julia Hummer, Jasna Fritzi Bauer, Guido Renner, Markus Klauk, Francesco Russo u.a.
95 Min. RealFiction ab 20.1.11

Tierfliegerin

Von Carsten Happe Ohne den Halt bürgerlicher Normalität schlägt sich die 14jährige Stevie durch ihr ungeordnetes Leben und erfindet für ihr Umfeld eine glanzvolle Existenz als Diplomatentochter, während ihre Eltern an einem Späthippie-Konstrukt eines verantwortungsfreien Daseins festhängen. Das pubertierende Mädchen rebelliert gegen die Rebellen, sie möchte aus dem Aussteigen am liebsten aussteigen.

Mit ihrem Langfilmdebüt Die Unerzogenen gelang der Regisseurin Pia Marais eine der eindrucksvollsten Gesellschaftsstudien der vergangenen Jahre, die sich sowohl im Inhalt wie auch in der Form dem Konventionellen weitgehend entzieht. Ihr zweiter Film Im Alter von Ellen setzt diese Ausrichtung thematisch wie formal fort, nur die Vorzeichen sind komplett andere. Die Flugbegleiterin Ellen steht geradezu symbolhaft fest mit beiden Beinen im Leben, die Korrektheit ihrer Uniform und die Uniformität ihrer Arbeit verströmen Sicherheit und Kontrolle. Sie ist voll und ganz eingestiegen in ein bürgerliches, geschäftliches, konventionelles Leben, aber nachdem ihr Freund sie verläßt, nachdem sie von seinem Kind mit einer Anderen erfährt, steigt sie aus. Zunächst ganz sinnbildlich aus dem wartenden Flugzeug auf der Startbahn, dann aus ihrem bisherigen Lebensentwurf. Ihre Uniform wird dabei mehr und mehr ramponiert, doch Ellen legt sie lange Zeit nicht ab – ein ambivalentes Motiv, das die Narration hübsch konterkariert.

Nach ihrem Aus- und Zusammenbruch mäandert sie schlaftrunken durch die kommenden Tage, wohnt teilnahmslos einer Swingerparty bei und landet schließlich in einer militanten Tierschützerkommune, die der enigmatischen Frau mittleren Alters ein wenig Halt oder so etwas wie Sinn zu geben scheint. Ellens Absichten, ihre Ziele oder Pläne bleiben dabei ebenso nebulös wie ihre offenbar ungünstige ärztliche Diagnose. »Du flatterst total verpeilt durch die Gegend«, wirft ihr Karl entgegen, der sich als Einziger der Aktivisten Ellen verbunden fühlt und den sie dann auch etwas unvermittelt heiratet.

Ähnlich wie in Die Unerzogenen verteilt Pia Marais genüßlich ihre Seitenhiebe auf die 68er-Mentalität der Tierschützer, denen die in den letzten Jahren schmerzlich vermißte Julia Hummer als Wortführerin vorsteht – etwa wenn jeder Pups basisdemokratisch durchdiskutiert und abgestimmt werden muß, oder allein schon durch Hummers Antlitz mit überdimensionierter, ständig rutschender Hornbrille und Zottelmähne. Auch die sexuellen Alternativkonzepte wie der Vorschlag von Ellens Ex, mit seiner neuen Freundin eine Dreier-WG aufzuziehen, oder die bizarre Unterwäscheparty in einem gesichtslosen Frankfurter Flughafenhotel, werden mit einer gehörigen Portion Skepsis beäugt.

Die augenscheinlichste und letztlich auch reizvollste Parallele zu Die Unerzogenen ist die erneute Absage an klassische Erzählkonventionen, die Im Alter von Ellen aus einem starren Korsett von zeitlich klar definierten Plot Points und herkömmlichen Spannungsbögen befreit. Wie seine Protagonistin erfaßt auch den Zuschauer eine grundlegende Unsicherheit angesichts der weiteren Entwicklung. Zu keinem Zeitpunkt begibt sich der Film auf ausgetretene Pfade, sondern überträgt die vermeintliche Ziellosigkeit seiner Hauptfigur auf die gesamte Dramaturgie. Das ist mitunter ein wenig bemüht, und auch das Gefühl, daß manches zu sehr auf diesen Effekt hin inszeniert wurde, läßt sich nicht gänzlich abschütteln, aber aus seiner Unvorhersehbarkeit und der Verschränkung von Form und Inhalt bezieht Im Alter von Ellen einen Gutteil seiner eigentümlichen Faszination. Die Besetzung der Titelrolle mit der französischen Darstellerin Jeanne Balibar, die ihre Dialogsätze mit überakzentuiertem Deutsch spricht, als ob sie sich jedem einzelnen ihrer Worte unsicher ist, verstärkt den Eindruck einer leicht verschobenen Wahrnehmung, die in einen existenziellen Umbruch mündet, noch zusätzlich. Die geordneten Bahnen, denen auch das Kino nur allzu gerne folgt, hat Im Alter von Ellen jedenfalls weiträumig verlassen und fährt dennoch oder gerade deswegen außerordentlich gut damit. 2011-01-18 09:20

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap