— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Good Food, Bad Food – Anleitung für eine bessere Landwirtschaft

Solutions locales pour un désordre global. F 2010. R,B,K: Coline Serreau. S: David Ciblac. M: Emilie Ruby. P: Cinemao.
113 Min. Alamode ab 20.1.11

Lieber die Möhrchen

Von Tamar Baumgarten-Noort Spätestens seit We feed the World oder Darwins Alptraum weiß jeder, der sein Dasein halbwegs reflektiert, daß verantwortliches Handeln beim Blick auf den eigenen Teller beginnt. Doch während sich das Publikum noch von Bildern aus Massentierhaltungen und unmenschlichen Produktionsbedingungen in Drittweltländern erholt, zeigt Coline Serreau, daß wir noch früher ansetzen müssen. Ihr Film macht deutlich, daß unsere Äcker sich in unfruchtbares Ödland verwandeln und die natürliche Biodiversität des Saatguts bedroht ist – weil einige wenige Großkonzerne mit nicht reproduzierfähigen Samen unabhängige Bauern in den Ruin treiben. Ein erfolgreicher Ertrag basiert nicht mehr auf den Kräften der Natur, sondern hängt zu großen Teilen vom Rohstoff Erdöl ab: Die Erde wird derart ausgelaugt, daß ohne Kunstdünger und Pestizide keine Ernte möglich wäre. Das traditionelle Ziel des Ackerbaus, Menschen zu ernähren, wird abgelöst von einem größeren System: Lebensmittelproduktion zur Gewinnmaximierung. Der Mensch hat sich eine künstliche Landwirtschaft geschaffen, die er jederzeit kontrollieren kann und an der einige wenige sehr gut verdienen.

Serreaus Gesprächspartner zeigen verblüffend klar auf, wie präzise das globale Räderwerk der Großkonzerne auf Kosten der Kleinbauern ineinandergreift. Forscher und Intellektuelle wie Vandana Shiva aus Indien oder der französische Mikrobiologe Claude Bourguignon schildern die Lage und zeigen Lösungswege für eine nachhaltige Landwirtschaft auf.

Dem Film gelingt es, haarsträubende Wahrheiten auf ausnehmend unprätentiöse Weise darzulegen. Er braucht keine schockierenden Bilder, sondern verläßt sich ausschließlich auf seine Protagonisten. Daß der Film dennoch bis zur letzten Minute fesselt, ist einer geschickten Montage zu verdanken – und der Tatsache, daß die Protagonisten wunderbare Erzähler sind. Dabei entsteht der Eindruck eines globalen Gesprächs, über Ländergrenzen und Fachdisziplinen hinweg. Wie in einem Chor singen sie alle das gleiche Lied, doch gibt jeder mit seiner Perspektive der Geschichte einen eigenen Klang. Die Vertreter der Gegenseite kommen nicht zu Wort; es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er dem Film glaubt oder nicht.

Serreau schlägt am Ende noch einen gedanklichen Bogen, der an ihre früheren feministischen Arbeiten anschließt: die Ausbeutung einer weiblich besetzten Erde sei letztlich auch Ausdruck des Patriarchats. Doch auch wer gedanklich so weit nicht mitgehen möchte, ist am Ende des Films mit einer Weltsicht konfrontiert, die absolut schlüssig ist und erneut Fragen zum Gemüse auf dem eigenen Teller auf den Plan ruft: Aus welcher Saat ist meine Möhre – und in welcher Erde ist sie gereift? Serreaus Film fügt sich damit nicht nur ein in die Reihe derjenigen Aufklärerfilme, die ein Bewußtsein schaffen für den Umgang mit der Natur, sondern setzt sich gewissermaßen an erste Stelle. 2011-01-17 11:03

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap