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Black Swan

USA 2010. R: Darren Aronofsky. B: Mark Heyman, Andrés Heinz, John McLaughlin. K: Matthew J. Libatique. S: Andrew Weisblum. M: Clint Mansell. P: Cross Creek Pictures, Fox Searchlight Pictures, Phoenix Pictures, Protozoa Pictures. D: Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Winona Ryder, Barbara Hershey, Ksenia Solo, Sebastian Stan, Toby Hemingway u.a.
110 Min. Fox ab 20.1.11

Scheiterhaufen

Von Sascha Ormanns Darren Aronofskys Filmkarriere begann bereits 1998 sehr vielversprechend: In diesem Jahr gewann er mit seinem vielgelobten Debütfilm Pi unter anderem den Regiepreis auf dem Sundance Film Festival und einen Independent Spirit Award für das beste Erstlingsdrehbuch. Trotz allem ist Black Swan tatsächlich erst sein fünfter Kinofilm. Mit seinen vier, allesamt erstaunlichen Vorgängerfilmen gelang es ihm jedoch, sich bereits als einer der vielleicht experimentierfreudigsten und bildgewaltigsten Regisseure des amerikanischen Kinos der Gegenwart zu etablieren. Und obgleich Aronofsky seine Filmsprache immer wieder abzuwandeln versteht, zeigt auch Black Swan wieder deutlich, daß er längst eine makellose Grammatik sowie ein essentielles Thema für sich gefunden hat – ohne sich jedoch einem bestimmten Genre zu verpflichten. Scheitern scheint der zentrale Leitgedanke in all seinen Filmen, wenn sich etwa die Protagonisten aus Requiem for a Dream auf ihrer Suche nach Glück ständig und ohne Ausweg in Drogensucht und Schmerz verlieren, oder es dem gealterten Randy aus The Wrestler nicht gelingen mag, sich von seiner gefeierten Kunstfigur zu lösen.

Ohnehin scheinen die Charaktere in Aronofskys Filmkosmos unentwegt und meist versessen auf der Suche zu sein: Natalie Portmann als Ballettänzerin Nina strebt in Black Swan nach absoluter Perfektion und macht ihre Profession zu ihrem einzigen Lebensinhalt. Vielleicht sind deshalb The Wrestler und Black Swan in Aronofskys Œuvre am ehesten vergleichbar, beide ähneln sich nicht nur in der Psychologie ihrer Figuren, sie eint auch das Zurschaustellen und die intensive Inszenierung des Körpers. Hat Aronofsky diesen schon in The Wrestler einer Tortur unterzogen, treibt er es in Black Swan vielleicht noch weiter, zeigt er Ballett doch als einen überaus harten Kosmos massiver Selbstgeißelungen, in dem er seine Protagonistin sehr präzise beobachtet und dokumentiert, wie sie an diesen zerbricht.

Während sich die Bildsprache in The Wrestler noch deutlicher der Erzählung unterordnete, die in Aronofskys Filmschaffen schon fast als dokumentarisch anmutend bezeichnet werden kann, kehrt er in Black Swan wieder zu einer für ihn typischeren, weil extrovertierteren Visualisierung zurück. Gemeinsam mit Matthew Libatique, der bereits für die Kamera in Aronofskys ersten drei Filmen verantwortlich zeichnete, gelingt es ihm ganz hervorragend, das für ihn neue Genre des Psychothrillers auch auf der Bildebene zu spiegeln: Denn streckenweise ist Black Swan in verstörend wackeligen Handkamerabildern fotographiert, die den Zuschauer regelrecht gefangennehmen, ihn mit all ihrer Intensität in den Film hineinziehen. In den Wahn der Protagonistin. Wenn die Augen des Betrachters zu ihren werden, der Kamerablick also ein subjektiver wird und dann mitunter sogar 360°-Drehungen vollzieht. Involvierende Pirouetten – die überaus wirkungsvoll daherkommen. Ebenso wie die klugen Kameraexperimente und Bildkompositionen, die den Zuschauer zwischenzeitlich verwirrt im Kinosessel erstarren lassen ob der angsteinflößenden Untersichten, der extremen Close Ups, der pittoresk choreographierten und fotographierten Ballettänze, oder der erstaunlichen und beeindruckenden Spiegelbilder. Diese experimentierfreudige Visualisierung wird von der Tonebene noch verstärkt, dem virtuosen Komponisten Clint Mansell gelingt es wieder blendend, den Film noch intensiver und bedrückender wirken zu lassen: etwa wenn Tschaikowskis neu arrangierter »Schwanensee« sowie das typische Wabern und Krachen von der Tonspur dröhnen.

Und obgleich Natalie Portman doch selbst vor geraumer Zeit mit einem Saturday Night Live-Clip erneut auf ihre »düstere« Seite aufmerksam gemacht hat (wer das noch nicht gesehen hat, unbedingt »Natalie Portman Uncensored Rap« auf YouTube anschauen), war sie schon länger nicht mehr in einer solch durchdringenden Rolle im Kino zu sehen. Natalie Portman hier zu besetzen, muß einfach als Geniestreich bezeichnet werden. Sie verleiht ihrer Figur etwas faszinierend Ambivalentes, ja Verstörendes und überzeugt mit ihrer Darstellung konträr zu ihrem Image der letzten Zeit voll und ganz. Und letztlich ist Black Swan als Film auch deshalb vom Scheitern meilenweit entfernt: »We love you, Natalie.« 2011-01-17 10:56

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