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Russland – Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane

D 2010. R,B: Jörn Röver. K: Henry M. Mix u.a. S: Klaus Müller. M: Kolja Erdmann. P: NDR Naturfilm u.a.
91 Min. Polyband ab 13.1.11

Serengeti

D 2010. R,B,K: Reinhard Radke. K: Peter Glaub u.a. S: Klaus Müller. M: Martin Lingnau u.a. P: Studio Hamburg DocLights u.a.
102 Min. Universum ab 3.2.11

Noch warm und schon Sand drauf

Von Carsten Tritt Als Serengeti darf nicht sterben erschien, waren Michael und Bernhard Grzimek allenfalls bessere Amateurfilmer. Es war zuvorderst Cutterlegende Klaus Dudenhöfer, der Unmengen von Bildmaterial und Bernhard Grzimeks zoologisches Fachwissen zu einem strukturierten Filmwerk verband, in dem das tatsächliche Faszinosum der afrikanischen Tierwelt mit einem eindrücklichen Plädoyer für den Naturschutz einherging. Gleichzeitig war diese Herangehensweise auch Gegenentwurf zum damals vom Disney-Studio dominierten Tierfilm, der sich in seinen Schauwerten genügte – etwa Weiße Wildnis, der ein Jahr vor Grzimek den Oscar erhielt und heute eher berüchtigt ist für seine sportlichen Erfolge im Lemmingweitwurf.

Jetzt kommt Russland und dann, drei Wochen später vom selben Produktionshaus Serengeti, ganz im Rahmen der Renaissance der Naturdokumentationen, die vor fünfzehn Jahren noch originell mit Mikrokosmos begann und inzwischen mit Filmen wie Unsere Erde und Unsere Ozeane industrialisierte Familienunterhaltung liefert. Auch der neue Serengeti wirkt in solchem Sinne als späte wie unnötige Kapitulation vor der Disneyschen Ideologie, und sucht den alten Grzimek vor allem mit imposanter Technik zu übertreffen. Die Herden mögen dieselben sein wie 1959, doch nie zuvor war der Flug über die Elefanten so sauber, die Teleobjektivaufnahme so klar, und wurde die Dynamik des Angriffs des Raubtieres so konzentriert in der Zeitlupe gebannt, als handele es sich um eine freie Neuadaption von Rubens »Nilpferdjagd«. In Serengeti triumphiert das Bild über den Inhalt, und das wäre auch nicht schlimm, wenn sich das Gezeigte nicht dergestalt auf schlichte Banalität reduzierte, sobald der bloße momentane Reiz verbraucht ist. Schon lächerlich ist jedoch, wie Serengeti seine Harmlosigkeit auf die Spitze treibt, wohl aus Angst vor um das Wohl ihrer Jungen besorgter Bildungsbürgermuttis, die sich ansonsten an der Kinokasse beschweren könnten, wenn in immergleicher Dramaturgie der Paarhufer doch noch knapp und aus höchster Not den Fängen des Fleischfressers entschlüpft. Selbst vom kopulierenden Löwenpaar traut sich Serengeti nur noch die Oberkörper zu zeigen, und verbannt die Hüftgegend, welche den unanständigen Hintergrund der zuckenden Bewegungen der beiden Katzen offenbaren könnte, jenseits des als Bettdeckenersatz fungierenden linken Bildrandes.

Vom erotischen Treiben der Landschildkröten in Russland sieht man wenigstens etwas mehr, aber gut, die behalten beim Sex ja auch ihren Panzer an, und treten somit schon traditionell weit züchtiger auf als wir Säugetiere. Ansonsten leidet auch dieser zweite Tierfilm aus dem Studio Hamburg unter exakt denselben Mängeln wie Serengeti. Die Bilder aus Kaukasus, Ural und Taiga wirken zwar unverbrauchter als jene der afrikanischen Savanne, dafür ist der unumgängliche Ethnokitschsoundtrack dort noch enervierender, und ist ein erzählerischer roter Faden überhaupt nicht mehr vorhanden, so daß auch mal eine hübsche Kamerafahrt durch ein paar Bäume für den Sprung von der einen Tierart zur nächsten genügen muß. 2011-01-10 13:41

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