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Satte Farben vor Schwarz

D/CH 2010. R,B: Sophie Heldman. B: Felix zu Knyphausen. K: Christine A. Maier. S: Isabel Meier. M: Balz Bachmann. P: unafilm. D: Bruno Ganz, Senta Berger, Leonie Benesch, Barnaby Metschurat, Carina Wiese, Sybille Schedwill, Thomas Limpinsel, Traute Hoess u.a.
85 Min. Farbfilm ab 13.1.11

So bleiben

Von Eva Tüttelmann Hast du dir vorgestellt, daß wir eines schönen Nachmittags zusammen in unserem Garten sitzen und dann einer zum anderen sagt: »Jetzt ist der Moment gekommen, um zu gehen?«

Eine Liebesgeschichte. Heruntergebrochen auf seinen Kern ist Satte Farben vor Schwarz nichts anderes. Und doch unterscheidet er sich von allen anderen Liebesgeschichten, die uns das Kino gern und oft erzählt. Die Handlung setzt ein, als Anita und Fred schon beinahe 50 Jahre miteinander verheiratet sind. Eine Ewigkeit. Wie sie sich kennenlernten, wie Hochzeit, Familiengründung, Ehekrisen vonstatten gingen, muß der Film nicht zeigen. Und doch erzählt er es, anders, denn im Umgang miteinander, im Dialog und in Berührungen ist die Vergangenheit der beiden allgegenwärtig. Das Band zwischen ihnen ist unzertrennlich, daran kann auch keine Liebe- oder Liebäugelei etwas ändern. Alle Abläufe sind wie automatisiert, man ist ein eingespieltes Team; alles ist gut so, wie es ist. Doch dann kommt der Krebs und schlägt mit seiner unaufhaltsamen Wucht eine tiefe Kerbe in ihr System. »Ich bin eine alte Frau«, sagt Anita einmal, »und eine alte Frau hat das Recht, daß die Dinge so bleiben, wie sie sind«. Es ist das alte Lied: Das, was einem manches Mal so schrecklich langweilig, festgefahren und leidenschaftslos vorkommt, kann gleichzeitig der Inbegriff von Romantik, Sicherheit und Geborgenheit sein. Sich blind zu verstehen hat seinen Preis und ist eben doch unbezahlbar.

Doch nicht nur Anita und Fred – sehr hinreißend: Senta Berger und Bruno Ganz – verstehen sich ohne Worte, auch der Film erscheint auf der Dialogebene wie ausgedünnt; Sophie Heldmanns Figuren haben weder Geschwätz noch Floskeln nötig. Das, was die Kamera einfängt, was in Bergers und Ganz’ Gesichtern abzulesen ist, ist völlig ausreichend, um dieser feingliedrigen Geschichte Sinn und Form zu geben. Die Zeit bis zur nächsten Schwarzblende ist kurzweilig, auch deshalb, weil man sich einfach freut, daß sich da eine junge deutsche Filmemacherin auf das verläßt, was dem filmischen Medium inhärent ist: das bewegte Bild. Kein Voice-over, kein Dialogsumpf, sondern unsterbliche Bilder für eine unsterbliche Liebe. Chapeau! 2011-01-10 13:41

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #61.
© 2012, Schnitt Online

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