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Last Night

USA/F 2010. R,B: Massy Tadjedin. K: Peter Deming. S: Susan E. Morse. M: Clint Mansell. P: Gaumont, Nick Wechsler Productions. D: Sam Worthington, Keira Knightley, Eva Mendes, Guillaume Canet, Griffin Dunne, Daniel Eric Gold, Scott Adsit, Stephanie Romanov u.a.
92 Min. NFP ab 30.12.10

Das Gegenteil von Liebe

Von Frederik König Der Film Last Night, geschrieben und inszeniert von der Regisseurin Massy Tajedin, behandelt das große Thema des Kinos: die romantische Liebe zwischen zwei Menschen in der (modernen) Welt. Kein Thema wurde öfter direkt oder unterschwellig im Kino behandelt. Liebe ist der meist benutzte Grundkonflikt, das universellste Thema überhaupt und spricht trotz kultureller, zeitlicher oder geographischer Unterschiede im Kern jeden Menschen an. Sie ist für den Film, der selbst eine universale Sprache ist, ein ewig aktuelles Thema und stärkt ihn in seiner globalen Wirkkraft: Wenn in Amerikas Haushalten Mädchenherzen vor indischen Bollywooddramen dahinschmelzen, ein durch und durch amerikanischer Film wie Titanic in Japan fast eine Viertelmilliarde Dollar einspielt, oder weltweit immer noch Generationen von Zuschauern dem zeitlosen Charme von Filmen wie Casablanca verfallen, dann wird einem wieder bewußt, daß die mediale Globalisierung schon lange vor Erfindung des Internets und des Fernsehens mit der romantischen Liebesgeschichte begann.

Last Night ist auf den ersten Blick eine solche Geschichte über die Liebe zweier Menschen, die in einer durch Heirat gefestigten Beziehung leben, deren romantisches Feuer jedoch nur noch zu glimmen scheint. Eine Reihe von Umständen führt dazu, daß diese Liebe in einer Nacht auf den Prüfstand gestellt werden soll. Die Geschehnisse dieser Nacht bilden den Hauptinhalt von Last Night, der sein Spannungspotential zunächst einzig und alleine aus der Frage zieht, ob sich die beiden Partner treu bleiben oder nicht. Innerhalb dieses sehr reduzierten Spannungsmoments setzt sich der Film wiederum mit verschiedenen Spielarten romantischer Liebe auseinander: Während der Ehemann, gespielt von Sam Worthington, mit seiner attraktiven Kollegin (Eva Mendes) auf Geschäftsreise ist, trifft seine eifersüchtige Gattin (Keira Knightly) eine verflossene Liebe wieder (Guillaume Canet), die zufällig in der Stadt ist. Beide werden einer Versuchung ausgesetzt, deren Verlauf und Ausgang nicht nur die Partner, sondern auch die Zuschauer über das Thema Liebe und die eigenen Erfahrungen nachdenken läßt.

Während man sich auf diese Weise im Film spiegelt, wird im Fortlauf der Handlungen immer deutlicher, daß es sich bei Last Night eigentlich nicht um einen wirklichen Liebesfilm mit viel Romantik und Kitsch handelt, sondern eher ein gegenläufiges Thema, die Entfremdung zweier Menschen, im Mittelpunkt steht. Diese Entfremdung vollzieht sich Schritt für Schritt: Sie beginnt mit dem aufkeimenden Mißtrauen und Eifersucht der Ehefrau in der ersten Szene, als sie ihren Mann beim Flirt mit der Arbeitskollegin erwischt. Sie zeigt sich, wenn sich die Kommunikation via Handy nur noch in Oberflächlichkeiten verliert oder das schlechte Gewissen den Anruf einfach wegdrücken läßt. Der Film beobachtet sehr gut das Verhältnis von Aktion und Reaktion seiner Figuren und gibt dieses wieder. Als die Ehefrau zum Beispiel ihren Verflossenen zufällig beim Kaffeekauf trifft, ist sofort klar, daß die Verabredung am Abend weitestgehend aus Trotz gegenüber dem verreisten Ehemann geschieht. Zum Schluß treffen sich die beiden Eheleute wieder, und obwohl keiner von seinen Erlebnissen der vergangenen Nacht berichtet, scheinen sich die beiden völlig fremd geworden zu sein. Für den Zuschauer ist der Kontrast um so größer, weil man die Bilder der gespielten Harmonie zu Beginn noch erinnert, die nur durch den einen Tropfen Eifersucht vergiftet wurden, in einer Reihe von Kettenreaktionen nach und nach jedoch zur kompletten Entfremdung führen.

Die Regisseurin Massy Tajedin steht inhaltlich in der Tradition großer Vorbilder wie Godard und Antonioni, die mit Filmen wie Le Mepris oder La Notte die Themen Liebe und Entfremdung bearbeitet haben. Auch formell sind direkte Anlehnungen und offensichtliche Zitate zu erkennen: Tajedin nutzt wie Godard das Cinemascope-Format und setzt immer wieder radikale Jump Cuts ein, um den zeitlichen Zwischenraum und das Alltägliche zwar zu zeigen, aber im Zeitraffer zu verkürzen. So zeigt sie, daß Filmgeschichten aus der Konzentration auf das Wesentliche resultieren und unser eigener Alltag manchmal nur so langweilig ist, weil wir keinen Schnittmeister haben, der die Zeit »dazwischen« herausschneidet. 2010-12-24 12:35
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