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Howl – Das Geheul

Howl. USA 2010. R,B: Robert Epstein, Jeffrey Friedman. K: Ed Lachman. S: Jake Pushinsky. M: Carter Burwell. P: Telling Pictures. D: James Franco, Todd Rotondi, Jon Prescott, Aaron Tveit, David Strathairn, Jon Hamm, Andrew Rogers, Bob Balaban u.a.
90 Min. Pandora ab 6.1.11

Ein Gedicht

Von Julian Bauer Howl ist ein Spielfilm. Ein Spielfilm als Dokumentarfilm; ein Animationsfilm. Howl ist ein Annäherungsversuch an das gleichnamige Gedicht von Allen Ginsberg. Im Oktober 1955 erstmals vorgetragen, kam es nach der Publikation 1957 zu einem Gerichtsverfahren, wegen als obszön befundener Inhalte. Der Film von Rob Epstein und Jeffrey Friedman kreist um dieses Gedicht, seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte. Er zeigt Bilder von der ersten öffentlichen Lesung, vom Gerichtsverfahren, vom Schreibvorgang, von einem Interview und von den darin erwähnten Erinnerungen Ginsbergs. Hier entsteht Fiktion, die sich manches Mal gar als found footage generiert. Interviews in Farbe, Erinnerungen in Schwarz/Weiß.

Ginsberg (James Franco) schreibt an »Howl«, liest »Howl« vor. Sein ganzes Sprechen ist irgendwie ein »Howl«. Eine Übertragung des phonetischen Lallens des Wortes. Die Worte des Gedichts wird man gerade wegen der Intonation so schnell nicht mehr los. Aber auch weil manche Sätze in den unterschiedlichen Bildszenarien wiederholt und dadurch kristallin werden. Die Diskussion einer Textpassage vor Gericht hat wenig mit der Situation des Vortragens der selben Textpassage in einem Club zu tun. Durch die Ortswechsel zerfließt das Gedicht, Bedeutungszuschreibungen weiten sich kaleidoskopisch aus.

In der Großaufnahme erscheint Ginsbergs Schreibmaschine beim Schreibvorgang. Dort wo die Buchstaben ins Papier gestanzt werden, tauchen animierte Noten auf. Howl ist auch Jazzpoetik. Der Film entgleitet hier leider in eine furchtbar animierte »Howl«-Welt, deren ästhetisches Vorbild William Blakes Malereien zu sein scheinen. Doch die Animationen sind glatteste Disney-Oberfläche und auch die Vertonung hat wenig mit der Jazzpoetik gemein. Doch Howl überlebt diese Verseichtung. Das spricht für das Gedicht, das spricht für den Rest des Films. 2010-12-31 12:18
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