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Monsters

GB 2010. R,B,K: Gareth Edwards. S: Colin Goudie. M: Jon Hopkins. P: Vertigo Films. D: Scoot McNairy, Whitney Able.
93 Min. Capelight ab 9.12.10

Aliens with a Twist

Von Patrick Hilpisch Monsters ist anders. Anders als der Titel impliziert. Anders als nahezu jeder Film, der sich jemals mit der Bedrohung durch eine außerirdische Lebensform auseinandergesetzt hat. Keine ausufernden High-Tech-Schlachten mit Invasoren aus dem All, keine schleimtriefenden Organismen, die sich im menschlichen Körper einnisten. Gareth Edwards' Independent-Debüt ist eine Charakterstudie, ein Roadmovie, eine Liebesgeschichte. Der Science-Fiction-Rahmen, den der mit Preisen ausgezeichnete Visual-Effects-Spezialist etabliert, wäre eigentlich austauschbar. Er hätte seine Protagonisten ebenso in ein Kriegs- oder Katastrophengebiet versetzen können, in eine bedrohliche Extremsituation, die die beiden auf ihrem Trip nach Hause zusammenschweißt.

Der Kniff, seine Story in einer von Aliens »befallenen« Welt anzusiedeln, eröffnet dem Regie-Erstling jedoch nicht nur die Möglichkeit, sein Händchen für computergenerierte Spezialeffekte zu zeigen. Die sind generell eher spärlich, aber dafür äußerst effektiv und wirkungsvoll eingesetzt. Edwards gelingt es mit einem Mini-Budget, einem fünfköpfigen Filmteam und nur zwei professionellen Schauspielern einem oft formelhaften und verkitschten Genre so etwas wie ein Herz einzupflanzen. Und das alles, ohne auf eine verwackelte Handkamera-Ästhetik à la Cloverfield oder die ausufernden CGI-Spielereien eines District 9 zurückzugreifen.

Auch wenn die Grundkonstellation der beiden zentralen Figuren nicht vor Originalität strotzt, Edwards' stark auf Improvisation basierender Inszenierungsstil und die Chemie zwischen den Hauptdarstellern verleihen dem Film einen Grad an emotionaler Glaubwürdigkeit, den man im Sci-Fi-Genre ansonsten vergeblich sucht. Es ist diese »auteurhafte« Einstellung bezüglich der Beziehungsdarstellung zwischen Protagonist und Protagonistin, die das Herz des Filmes zum Schlagen bringt. Von amerikanischen Kritikern wurden gar Vergleiche mit den Arbeiten Richard Linklaters herangezogen.

Der Außerirdischen-Plot dient nicht nur als Movens für die schwierige Reise durch die alienbesetzte Quarantänezone und die auf dem Weg erlangten Einsichten. Er eröffnet auch die Möglichkeit zur Spiegelung politischer, kultureller und sozialer Themen. Die Anzahl der kritischen Ansatzpunkte, die Edwards bereitstellt, ist verblüffend. Die amerikanische Kriegs- und Einwanderungspolitik, Xenophobie, Medien- und Sozialkritik – der Film bietet mal schonungslos offen, mal mittels leiser Zwischentöne diverse Reflexions-Ebenen an. Die zentrale Story wird davon jedoch nie überdeckt oder verwässert. Edwards bleibt stets nah bei seinen Protagonisten, ihren Problemen, Eigenheiten und Emotionen.

Das dramaturgische Konzept von Monsters geht trotz langer Dialogpassagen auf. Denn Gareth Edwards spielt bis zur ersten Begegnung mit den außerirdischen Kreaturen so geschickt mit Verweisen auf und Informationen über die tintenfischartigen Aliens, daß sich durchgehend eine gesunde Grundspannung und Entspannung einstellt. Diese Dynamik wird vom exzellenten Sounddesign unterstützt.

Durch die gekonnt in Szene gesetzten Originalschauplätze und die subtil verwendete sphärische Musik entwickelt Monsters streckenweise eine faszinierende hypnotische Qualität. Vor allem während der Sequenzen im mexikanischen Dschungel harmoniert diese Stimmung mit den von den Protagonisten aufgeworfenen Sinnfragen. Dem existentiellen Ton des Films wird dann vor allem durch dessen erzählchronologischen Twist, der sich erst ganz am Ende offenbart, weitere Tiefe verliehen.

Die filmische Leistung, die Edwards und sein Team mit Monsters erbracht haben, ist durchaus bemerkenswert. Der Brite beweist, daß man mit viel Herzblut, Einsatz und einem schlüssigen Konzept die Widrigkeiten eines kleinen Budgets überwinden und großes und tiefsinniges Kino produzieren kann. Die tatsächliche Höhe des Budgets wurde auf Festivals und im Internet heiß diskutiert. Zunächst geisterten Produktionskosten von 15.000 Dollar durch diverse Foren. Diese Summe bezog sich allerdings nur auf die Kosten für das Filmequipment. Die tatsächlichen Entstehungskosten bewegen sich wohl zwischen 400.000 und 500.000 Dollar.

Doch am Schluß sollte eigentlich nicht die Frage stehen, wie eine solche Low-Budget-Produktion so gut sein kann, sondern eher, warum viele millionenschwere Produktionen so mittelprächtig sind. Mit seinem ersten Spielfilm hat Gareth Edwards jedenfalls ein Ausrufezeichen hinter seinen Namen gesetzt. Und dies wird ihm für seinen nächsten Film ein fetteres Budget garantieren, das er hoffentlich genauso effektiv einzusetzen weiß, wie bei seinem Erstling. 2010-12-08 15:17
© 2012, Schnitt Online

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