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Au revoir, Taipeh

Yi yè Tài bei. RC/USA/D 2010. R,B: Arvin Chen. K: Michael Fimognari. S: Justin Guerrieri. M: Hsu Wen. P: Atom Cinema (TW), Greenskyfilms (US). D: Jack Yao, Amber Kuo, Hsiao-chuan Chang, Lawrence Ko, Frankie Gao, Peggy Tseng, Tony Yang, Paul Chiang u.a.
84 Min. Arsenal ab 25.11.10

A Girl and a Gun

Von Frederik König Jedes Buch über das Drehbuchschreiben lehrt den aufmerksamen Leser, wie man in einem Film eine Geschichte dramaturgisch effektvoll konstruiert und erzählt. In den ersten Kapiteln wird, basierend auf den Grundlagen von Aristoteles und der griechischen Tragödie, zumeist die Funktion des Konflikts als Unterbau eines jeden Dramas erläutert. In Au Revoir Taipeh ist der Grundkonflikt recht simpel: Ein junger Mann aus der taiwanesischen Stadt Taipeh möchte seiner Ex-Freundin nach Paris hinterher reisen, um ihr Herz zurück zu gewinnen. Um die Reise zu bezahlen, muß er im Gegenzug für das Geld einem onkelhaften Mafiosi einen Gefallen tun. Er soll ein ominöses Paket überbringen, dessen Inhalt ihm bald einen Rattenschwanz an Verfolgern an die Fersen heftet. Auf diese Weise verdichtet sich der Konflikt. Durch Zufall gerät auch eine Bekannte aus dem Buchladen in das wilde Treiben, wird seine treue Gefährtin, und zum Schluß muß der junge Mann feststellen, daß die wahre Liebe nicht in Paris zu finden ist, sondern ihn in Taipeh bereits gefunden hat. Als Phrasendrescher könnte man an dieser Stelle sagen: Der Weg ist auch hier einmal wieder das Ziel.

Liest man jedoch das Buch über das Drehbuchschreiben gründlich bis zum Ende, wird man zum Schluß immer auf eine wichtige letzte Lektion stoßen: Man soll das, was man in den vorangegangenen Lektionen gelernt hat, hinterfragen und mit den gelernten Regeln spielen, um den Zuschauer in seiner Erwartung zu überraschen und neue Ausdrucksmöglichkeiten des Films zu erkunden. Ein Film, der dies nicht tut, wird mit dem Etikett »ganz nett« oder »unterhaltsam« in der Mittelmäßigkeit versinken, da der Zuschauer in der beschleunigten Medienproduktion unserer Tage nach immer neuen Reizen sucht und verlangt. Im Falle von Au Revoir Taipeh fehlt dieser ästhetische oder dramaturgische Bruch auf den ersten Blick. Trotz seiner starken Originalität plätschern die Handlung und ihre Charaktere voraussehbar und stereotypisch dahin. Die Charaktere erscheinen einem eher wie Comicfiguren aus einem asiatischen Manga-Strip, die trotz ihrer Konflikte lethargisch und apathisch agieren. Gerade darin steckt jedoch innovatives Potential: Diese Lethargie und Apathie rührt daher, daß in Au Revoir Taipeh ausnahmslos jeder der Akteure unglücklich verliebt ist. Auf diese Weise entsteht eine Art Anti-Dramaturgie, die allen, bis auf den Hauptdarsteller, ihre Antriebskraft zu rauben scheint. Die Figuren sind nie ganz bei der Sache. Sie erzählen und leiden jeder für sich an ihren unerfüllten Liebesgeschichten. Der einzige, dessen fehlgeleitete Liebessuche zum Schluß erwidert wird, ist die der Hauptfigur. An dieser Stelle könnte man sich fragen, ob die Moral von der Geschichte nicht der vielzitierte Satz ist, daß eigentlich nur die unerwiderte Liebe die einzig wahre ist. Schaut man dem jungen Hauptakteur dabei zu, was für eine Energie er bei dem Versuch, seine Verschiedene in Paris zu besuchen, entwickelt, so scheint diese Aussage bestätigt.

Als Inspirationsquelle für seinen Film nennt der Regisseur Arvin Chen die improvisierten, technisch naiven und revisionistischen Filme der jungen Nouvelle Vague. Diese Filmemacher, die zumeist gar keine Filmschule besucht hatten, lernten die technische Umsetzung ihrer Stoffe »learning by doing« und improvisierten auf der Straße. Ein Buch über das Drehbuchschreiben hätte Godard wahrscheinlich 1959 noch lächelnd abgewiesen und 1968 in kleine Stücke zerschnitten, um es anschließend wieder neu zusammen zu puzzeln. Von diesem radikalen Geist ist leider nicht mehr viel geblieben. Dennoch ist der genannte Verweis auf die Wichtigkeit des unerwarteten »Bruchs« am Ende einer jeden Drehbuchschule ein Relikt, das wir diesen Regisseuren verdanken. Was dem Regisseur Arvin Chen im Geiste seiner Vorbilder in Au Revoir Taipeh gelingt, ist die Darstellung des relativ ungestellten Lebens auf den nächtlichen Straßen von Taipeh. Gedreht wurde in 35 Tagen an Originalschauplätzen jeweils von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. In dieser Zeit leben im Gegensatz zu unseren Städten asiatische Metropolen erst richtig auf. Das Leben auf der Straße wird in seiner Dichte und Wildheit eingefangen und findet immer wieder einen Kontrast in den Bildern schlafender, ruhiger Bezirke Taipehs. Ein perfektes Szenario für eine Art japanischen Ausser Atem, denn trotz fehlender Radikalität oder Innovationen hat der Regisseur eines begriffen und bewiesen, was schon Godard wußte: »A movie is a girl and a gun«. 2010-12-01 17:16
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