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Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1

Harry Potter and the Deathly Hallows: Part I. USA/GB 2010. R: David Yates. B: Steven Kloves. K: Eduardo Serra. S: Mark Day. M: Alexandre Desplat. P: Heyday Films, Warner Bros. Pictures. D: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Helena Bonham Carter, Robbie Coltrane, Ralph Fiennes, Brendan Gleeson, Jason Isaacs u.a.
145 Min. Warner ab 18.11.10

It ain’t over till it’s over

Von Jakob Stählin Puuh. Bald ist’s geschafft. ›Du weißt schon wer‹ wird alle gemacht und die ganze Zaubererwelt darf aufatmen. Alle im Kinobetrieb tätigen Muggel, seien es Vorführer, Platzanweiser oder Thekenkräfte, haben eine Sorge weniger und können sich voll und ganz den restlichen Partyfilmen wie Twilight oder Sex and the City widmen. Doch, man hätte es ja wissen müssen, it ain’t over till it’s over: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes wird in zwei Teilen präsentiert. Den Machern nach liegt diese Entscheidung der schieren Wucht des letzten Bandes zugrunde, dem man künstlerisch in so kurzer Zeit gar nicht gerecht würde. Daß diese Aussage Quatsch ist und es hier um Kasse geht, ist klar, denn nirgendwo steht geschrieben, daß ein Film eine gesetzlich vorgeschriebene Länge einhalten muß. Obgleich zu diesem Zeitpunkt lediglich ein halber Film zu sehen ist, muß man natürlich abschließende und zusammenfassende Worte verlieren und so sei zunächst gesagt, daß Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 der beste Film der Reihe ist. Seine Stärke erreicht er jedoch durch viele Fehler, die in den vergangenen Filmen gemacht wurden und durch seine zwar kommerziell bedingte, aber sinnvolle Überlänge.

Obgleich stets abendfüllend, war das größte Problem der Harry Potter-Filme die enge Bindung, die sie zu ihren Vorlagen hatten und so aufgrund der limitierten Laufzeit filmisch selten aufzugehen vermochten. Ein Film ist nun mal kein Buch, und so begann Warner mit seiner Reihe künstlerisch gesehen deutlich zu früh. Man hätte das Ende der Geschichte abwarten und mit einer einheitlichen Vision an die Sache herangehen sollen, war die Essenz der Bücher doch selten in den klaren Konfrontationen, die stets als Filmshowdown herhalten mußten, verankert, sondern vielmehr in der Gedanken- und Gefühlswelt dreier mit dem Publikum heranwachsender Teenager. Um das zu transportieren braucht man jedoch gute Hauptdarsteller, die allesamt einst etwas hastig gecastet wurden. Zweifelsohne haben sich sowohl Emma Watson als auch Daniel Radcliffe ein wenig steigern können, doch Rupert Grint bleibt der einzige Held, dessen Mimenspiel Eigenständigkeit hat.

Die ersten beiden Filme unter der Regie von Chris Columbus waren eine absolute Katastrophe, die völlig irritiert aufgrund eines potentiellen Publikums, das die Romanvorlagen nicht nur kennt, sondern nahezu mitzusprechen vermag, scheu Kapitel für Kapitel in Konsensbildchen umsetzten. Teil 3 und 4 – bisher die stärksten der Serie – krempelten die Sache dann etwas um, kürzten die Geschichten und brachen sie auf einen etwas filmischeren Ton herunter. David Yates, der nun die letzten drei (meinetwegen vier) Teile realisierte, versagte bei seinen beiden ersten Versuchen wieder kläglich und meinte es etwas zu gut mit der forcierten schnellen Unterhaltung. Die Actionszenen hatten weder Einleitung noch ließen sie abschließend Zeit zum Verschnaufen und so wirkten die Filme wie eine unfertige Clipschau. Natürlich konnte sich ein Großteil der Zuschauer, die fehlenden Parts selbst hinzudenken, doch selbst ein äußerst fantreuer Film darf sich solch eine Schlamperei nicht erlauben.

Der neue Teil nun ist gerade deshalb so gelungen, da er sich seines Charakters sehr bewußt ist: Er ist reines Eventkino, quasi ein Service für Fans. So fällt es schwer, irgendwem vorzuhalten, ein Außenstehender käme ohne Vorkenntnisse überhaupt nicht mit, denn – mal ehrlich – wer bis jetzt nicht auf den Hogwarts-Express aufgesprungen ist, wird es mit dem letzten Film auch nicht mehr tun. Für diejenigen jedoch, die Joanne K. Rowlings Bücher kennen und mögen, ist Harry Potter und die Heiligtümer des Todes ein wunderbares Nachhausekommen. Bereits die erste Szene strotzt vor Emotionen und korrumpiert nicht wie in der Vergangenheit das Vorwissen des Publikums, sondern nutzt es charmant, um einen klaren Ton zu finden, der sich erfreulicherweise über die gesamte Länge halten kann. Einmal mehr wird klar, daß es Nuancen sind, die so etwas gelingen lassen. Auch das früher oft gestelzt wirkende Schaulaufen der gefühlt gesamten Garde international bekannter Briten wirkt nun homogen, ganz so als seien sie schon immer Bewohner dieses Universums gewesen. Folglich stört es auch nicht, wenn sie nur kurz oder auch gar nicht zu sehen sind. Lediglich Alan Rickman als Snape, dessen Geschichte einen Bärenanteil des Buches ausmacht, ist etwas unterrepräsentiert und es bleibt zu hoffen, daß dies in der zweiten Filmhälfte korrigiert wird, die, so heißt es, in 3D zu sehen sein soll.

Dies war bereits für den ersten Teil geplant, doch die Hochleistungsrechner wurden nicht rechtzeitig fertig und so kann man mit einem möglichen Re-Release à la Avatar sogar dreifach abräumen. Wie in den Büchern sind es im Film jedoch die kleinen Dinge im Harry Potter-Universum, die den Fan fröhlich machen, sei es die bereits erwähnte Einstiegssquenz, in der Hermine die Gedächtnisse ihrer Eltern löscht oder eine simple Tanzszene zu einem Nick Cave-Song aus einem rauschenden Radio – beides Szenen übrigens, die im Buch nicht enthalten sind. In ihrer schlichten Schönheit würden diese durch die mittlerweile zur Pein gewordene 3D-Technik ihrer Intimität beraubt werden und so mag es sein, daß die Geldmacherei, die hier zu einem Segen wurde, schnell wieder zu einem Fluch wird. 2010-11-18 21:21

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