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Draußen am See

D 2009. R,B: Felix Fuchssteiner. B: Katharina Schöde. K: Matthias Schellenberg, Ralf H. Schlotter. S: Nicole Kortlüke. M: Philipp F. Kölmel. P: mem-film. D: Elisa Schlott, Petra Kleinert, Michael Lott, Sina Tkotsch, Annekathrin Bürger, Benjamin Trinks, Maximilian Befort, Christine Rollar u.a.
108 Min. mem-film ab 4.11.10

Plappern ist Schweigen

Von Sarah Sander Wenn eine Tat-Sache, von der jeder weiß, daß der andere weiß, daß du davon weißt, im Raum steht und doch niemand drüber spricht – was dann? Wenn eine Tat totgeschwiegen wird, und jemand daran zerbricht und doch niemand darüber reden will; wenn eine Sache so unaussprechlich ist, daß kaum jemand den Begriff dafür kennt (ein Konglomerat aus Griechisch und Latein) und sich doch alles darum drehen soll – wie kann man das inszenieren? Durch einen Stein mitten im Bild, auf der Schwelle zur Laube am See, und durch verzweifeltes Plappern auf der einen Seite und stummes Schreien auf der anderen.

Ein Film-Familientableau

Ein deutsch-deutscher Familienvater, der sich im Tiefblau der Nacht lautknisternd eine Zigarette anzündet, den Cowboyhut tief in die Stirn gerückt. Ein Bild wie aus der Marlboro-Werbung.

Eine mollige Super-Mama, die im Kaufrausch im Supermarkt die Sorgen und Frustrationen ob des Jobverlusts ihres Mannes juchzend zu vergessen sucht. Ein überdrehtes Quatsch-Comedy-Bild.

Ein ungleiches Schwesternpaar, das auf den Zerfall des Familienhalts auf ganz unterschiedliche Art reagiert: Durch Auszug in die Puppertet und durch Rückzug in die Verletztheit. Ein klassisches Sozialdramensujet. Hier wird es inszeniert als gegenläufige Bewegung, markiert durch die Verwendung von Kosmetika: Umso weniger Familieneinbindung, desto mehr Kajal.

Draußen am See ist ein Reagenzfilm, der sich auf die Beobachtung des schleichenden Verfalls von Familienglück, des bitteren Übergangs des Vertrauten in eine stinkende, giftige Brühe verlegt hat, wie Jessy, die jüngere Tochter, in ihr Tagebuch schreibt.

»Familien sind künstlich erschaffene Biotope. Ändert sich die Grundtemperatur, ist nicht auszuschließen, daß alles aus dem Gleichgewicht gerät und die Lebewesen verenden. Wo vorher Leben war, bleibt nichts als eine stinkende, giftige Brühe.«

Randfiguren, mittendrin

Eine Mädchenstimme erzählt eine Geschichte. Als Voice-Over referiert sie über Meeresbiologie, den Mistral und statistische Tränenmengen, über anthropologische und ethnologische Themen. Sie klugscheißt über unsinniges Wissen zum Überleben, das doch lebensnotwendig wissenswerter Unsinn für sie geworden ist. Aus einem Bretterverschlag, der an ferne Kindheiten und Baumhäuser gemahnt, beobachtet sie das Familiengeschehen und notiert in ihr Tagebuch.

Der Film verschiebt so immer wieder die Tat-Sachen von der Handlung in die Beobachtung, von der Bildmitte in den Hintergrund. Als die unaussprechliche/unausgesprochene Tat ins Bild gesetzt wird, sind die Größenverhältnisse und -positionen eigentlich ›verkehrt‹ (die Sache wird gleich ganz ausgespart). Der Film interessiert sich weniger für das Unsagbare an sich, als dafür, was Ungesagtes mit Menschen machen kann. Dafür rückt er die Randfiguren ins Bild, die gleichsam die stummen Folgen einer Tat-Sache zeigen wie sich die Frage nach Mittäterschaft durch Schweigen stellt.

Durch den Kontrast der filmischen Überzeichnung von Figurencharakteristika und der eingehenden Beobachtung der Familiensituation führt Draußen am See die stilisierte Filmhaftigkeit des Seins mit einer genauen Konstruktion der Tat-Sachen zusammen. Lange bevor die Katastrophe passiert, kündigt sie sich an: durch die Entfremdung der Eltern, durch deren gereizte Gemeinheiten und Sticheleien ebenso wie durch die zunehmende Verzweiflung der jüngsten Tochter, die die vertrauten Eltern fremd werden sieht. Und der Film beobachtet dies in schön komponierten Bildern sehr genau, auch wenn er sich stilistisch manchmal verhebt. Ohne klare Schuld zuzuweisen, zeigt er das Zerstörerische in der Familie am Berlin-Brandenburgischen Familientableau. 2010-11-23 16:12
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