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Unstoppable – Außer Kontrolle

Unstoppable. USA 2010. R: Tony Scott. B: Mark Bomback. K: Ben Seresin. S: Robert Duffy, Chris Lebenzon. M: Harry Gregson-Williams. P: Firm Films, Millbrook Farm Productions. D: Denzel Washington, Chris Pine, Rosario Dawson, Elizabeth Mathis, Jessy Schram, Kevin Dunn, Kevin Chapman, Jeff Wincott u.a.
98 Min. Fox ab 11.11.10

Blue Collar Heroes

Von Asokan Nirmalarajah Unstoppable, die mittlerweile schon fünfte Kollaboration zwischen Regisseur Tony Scott und seinem Hauptdarsteller Denzel Washington, erreicht uns unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen. Nicht nur, daß der generische Titel des Films wie der einer Direct-to-DVD-Produktion klingt, die sich ins Kino verirrt hat (die IMDb-Suche bestätigt, daß es tatsächlich 2004 eine gleichnamige DVD-Premiere mit Wesley Snipes in der Hauptrolle gab). Auch die abgegriffene High-Concept-Prämisse des Films klingt nach einem unscheinbaren B-Movie, dem hier eine zweifelhaft kostspielige Umsetzung – die Rede ist von 100 Millionen Dollar – mit A-Besetzung, A-Regisseur und einem A-Produktionsaufwand zuteil wurde. Die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von einem unbemannten Güterzug von der Länge einer halben Meile, der mit giftigem, explosivem Material beladen durch amerikanische Kleinstädte rast und von den unermüdlichen Angestellten der Bahngesellschaft aufgehalten werden muß, erinnert an Action-Klassiker wie Runaway Train (1985) und Speed (1994). Nicht weniger ernüchternd als das Déjà-vu-Gefühl, das alles hier schon mal in anderen Filmen gesehen zu haben, ist für Genrefans wohl die Feststellung, das sich Scott nach dem enttäuschenden Remake des Kultthrillers von 1974, Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (2009), erneut mit Washington auf die Schienen wagt, um einen Film zu drehen, der sich an den Katastrophenfilmen der 1970er Jahre orientiert. Dabei schickt der Filmemacher seinen Star nicht wie in Mann unter Feuer (2004) und Déjà Vu (2006) ins Gefecht, sondern filmt ihn wie bei ihrem letzten Film meist beim Sitzen und Grübeln. Umso überraschender also, daß es sich bei Unstoppable um das fulminante, mitreißende Actionspektakel handelt, auf das man den ganzen Kinosommer vergeblich gewartet hatte.

Das kleine Wunder des Films, der bereits 2004 in Auftrag gegeben und von Regisseuren wie Robert Schwentke und Martin Campbell erfolglos in Angriff genommen wurde, besteht darin, daß er alle Vorurteile, mit denen man ihm begegnet, erfüllt und im selben Moment für nichtig erklärt. Denn Unstoppable mag gerade deshalb während seiner sehr kurzweiligen Laufzeit von anderthalb Stunden zu begeistern, weil er um seine Grenzen weiß und seine Stärken auch nur innerhalb dieser souverän ausspielt. Das Ergebnis ist ein routinierter, schnörkelloser Actioner mit minimaler Substanz, aber großer sensorischer Wucht. Der Handlungsverlauf ist dabei so berechenbar wie die Entwicklung der konfliktreichen Beziehung zwischen den zwei Hauptfiguren. Im atemberaubenden Tempo des Films wird ihnen aber nur so viel backstory eingeräumt, daß man mit diesen pragmatischen Working-Class-Recken spontan sympathisiert. Als erfahrener Lokomotivführer kurz vor der Pension respektive jähzorniger Zugführer frisch von der Akademie dürfen Denzel Washington und Chris Pine keine komplexen Figuren spielen, aber ihr enormes Starcharisma unter Beweis stellen. Washington, dessen Vorname oft so erotisch ausgesprochen wird, als handle es sich dabei um eine Eissorte, greift bei der anspruchslosen Paycheck-Rolle auf seine bewährten, immer noch enorm effektiven Manierismen zurück. Die bebende Unterlippe, das angespannte Gesicht und der gedankenverlorene Blick reichen wieder einmal, um seiner Figur die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen. Pine macht indes deutlich, daß seine bemerkenswerte Charme-Offensive als Captain James T. Kirk in Star Trek (2009) nicht allein der legendären Rolle geschuldet war, sondern auch seiner ebenso wie hier eindrucksvollen Leinwandpräsenz. Erfreulich ist zudem, daß jeder Anflug sentimentalem ›male bondings‹ von der unbarmherzigen Vorwärtsbewegung der Handlung im Keim erstickt wird.

Und darin liegt auch der Erfolg von Unstoppable begründet: Der Titel ist Programm. Der Film steht für die Art von klassischem, gradlinigem Genrekino, in der nur die Bewegung, nicht die Reflektion zählt. Unnötiger Ballast wie Tiefgang, Humor, Plausibilität und Ambiguität wird über Bord geworfen, Originalität und Gehalt findet man woanders. Klarheit und Notwendigkeit obsiegen, die Effizienz der perfekt abgestimmten Genremaschinerie sorgt für die nötige Spannung und Unterhaltung. Der Verzicht auf allzu viel Psychologisierung und Motivation erlaubt es auch Tony Scott, auf seine patentierte formale Akrobatik zu verzichten, um die psychischen Innenwelten seiner angeknacksten Helden und Heldinnen mittels halluzinatorischer, atemberaubend nervöser und nicht selten irritierender Bild-, Ton- und Schnittkompositionen zu kommunizieren (Mann unter Feuer, Domino). Stattdessen bewährt er sich hier als ein kompetenter Handwerker, dessen Vorliebe für Kamerafahrten um Gegenstände wie Menschen diesmal einer klaren Logik folgt. In der Tradition von Steven Spielbergs Duell (1971) fotographiert Kameramann Ben Seresin die diabolisch rotfarbene Lokomotive des außer Kontrolle geratenen Güterzugs als gewaltiges Monstrum, das die Sünden der Company verkörpert, deren kaltherzigen Repräsentanten sich in kahlen Büros über der Stadt verstecken und über die bevorstehenden Profitverluste ihres Konzern ins Schwitzen geraten. Kontrastiert werden die anonyme Maschinerie und die ineffektiven ›white collar workers‹ mit der blau-gelben Lokomotive und den unterbezahlten ›blue collar workers‹, die zu der energischen Musik von Harry Gregson-Williams heldenhaft ihr Leben riskieren, um Menschenleben zu retten. Sanfte, fast romantische Kameradrehungen idealisieren diese Repräsentanten einer antiquierten ›gung ho‹-Männlichkeit, die in der extrem technologisierten, zeitgenössischen Handlungswelt des Films, in der alle anderen nur hilflos auf Monitore und Fernseher starren können, selbst Hand anlegen, um das entfesselte ›Biest‹ zu zähmen. Da ist es wohl auch nur konsequent, daß der destruktive Güterzug im Film als »bitch« bezeichnet wird, Washingtons College-Töchter bei Hooters kellnern und Pines aufgrund seiner Gewalttätigkeit getrennt von ihm lebende Gattin ob seiner Heldentat plötzlich wieder Gefühle für ihn entwickelt. Dieses genderpolitische Ungleichgewicht soll wohl wieder damit aufgefangen werden, daß die attraktivste Frau des Films, Rosario Dawson, sich als knallharte Fahrtdienstleiterin ungewohnt angezogen gibt. All das wäre dann aber auch schon zuviel an überflüssigem Subtext, an lästigem Ballast für dieses schnelle, aufregende Genre-Häppchen, das ebenso wenig in Erinnerung bleiben wird wie das letzte Fastfood-Gericht. 2010-11-10 15:17
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