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Das Labyrinth der Wörter

La tête en friche. F 2010. R,B: Jean Becker. B: Jean-Loup Dabadie. K: Arthur Cloquet. S: Jacques Witta. M: Laurent Voulzy. P: ICE3, K.J.B. Production, France 3 Cinéma, Studio Canal u.a. D: Gérard Depardieu, Gisèle Casadesus, Patrick Bouchitey, Claude Maurane, Jean-François Stévenin, François-Xavier Demaison, Claire Maurier, Sophie Guillemin u.a.
82 Min. Concorde 6.1.11

Frontalunterricht

Von Jakob Stählin Jean Becker ist als Regisseur bekannt für seine oft sehr ruhigen Filme, die ihre Stärke aus einem unverstellten Blick auf vermeintlich alltägliche Situationen zu ziehen versuchen. Sein neuer Film Das Labyrinth der Wörter macht da keine Ausnahme. Im Mittelpunkt steht der ungebildete Germain, der sich mit kleineren Jobs über Wasser hält und mit seinen Kumpels in der Kneipe die unspektakulären Vorstadtgerüchte beim Dartspiel französisch ausufernd diskutiert. Seine Mutter hat sich nie für ihn interessiert, denn der ungestüme Taugenichts war kein Wunschkind, sondern ein Nationalfeiertagsunfall. Als Germain beim Taubenfüttern auf die 95jährige Margueritte trifft, eine belesene pensionierte Wissenschaftlerin, entsteht eine intensive Freundschaft zwischen den beiden, woraufhin die alte Dame den ungebildeten Mann in die Literatur einführt und so seinen Blick auf die Welt verändert.

Die schlichte, äußerst werktreue Romanadaption entwickelt sich zu einer Aschenputtelvariante, die an unzähligen Ungereimtheiten krankt. Was vor allem stört, ist die Inkongruenz von Handlung und Inszenierung. Letztere versucht in ihrer Schlichtheit dem Zuschauer zu vermitteln, daß er es mit Bekanntem zu tun hat, als seien die Figuren mitten aus dem tatsächlichen Leben gerissen und deren Handlungen allzu menschlich. Das ist jedoch falsch, denn wie bereits erwähnt, handelt es sich um ein Märchen mit klar karikierten Figuren: Germain, der Dummkopf, der nie eine Chance hatte. Seine Mutter, die durch und durch böse ist; und natürlich Margueritte, die intelligente, charmante Heilsbringerin, die mit ihrem umfassenden Wissen auch dem trägsten Menschen seine kindliche Neugier wiederzugeben vermag.

Vor allem die von Gérard Depardieu dargestellte Figur des Germain mag einfach keine Identifikation zulassen, denn das Drehbuch weiß ihr keine klare Struktur zu geben. Mal redet er mit sich selbst, dann mit seiner Katze, und schließlich erzählt er seiner Freundin, daß er am liebsten in ihrer Vagina verweilt; schließlich sei es dort warm und angenehm. Das mag freilich sein, ist jedoch exemplarisch für den durchweg versnobt abschätzigen Tonfall des gesamten Films gegenüber einem ungebildeteren Teil der Gesellschaft, der hier in seiner Hauptfigur undifferenziert personifiziert ist, und andererseits legt es kurioserweise offen, daß Germain zuviel über seinen Gesamtzustand weiß. Er versteht, daß er dumm ist, kennt die Ursachen, definiert sich reflektiert als Stereotyp und ist somit geistig so weit fortgeschritten, wie es wohl wenige Intellektuelle sind. Ein Widerspruch in sich. Natürlich ist dies gerade der Moment, wo das Märchen von den zauberhaften, horizonterweiternden Worten zu greifen beginnt, doch eben dieser belehrende Ton, der dieser gewollt romantischen Situation innewohnt, ist so altbacken wie schlicht falsch.

Dieses Problem ist natürlich bereits tief in der Romanvorlage verankert. Marie-Sabine Roger hat eine flammende Ode an den Chauvinismus niedergeschrieben, eingefaßt in eine schwarzweiße Welt voller unstimmiger Klischees. So predigen sowohl Buch als auch Film eine durchweg ärgerliche Sicht auf die Kraft der Kultur, die zu erfahren als Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben definiert wird und quasi per Zwang von einer Elite an die Dummköpfe dieser Welt weitergegeben werden soll. Der Zuschauer erlebt, wie der grobschlächtige Kneipengänger sich durch die Lektüre von Camus' »Die Pest« stetig in ein anderes Klischee verwandelt. Seine Freunde erkennen ihn plötzlich nicht mehr, lachen ihn aus, da er große Wörter verwendet, und seine Liebschaft wird plötzlich zur großen Liebe. Jean Beckers Intention mit Das Labyrinth der Wörter mag durchaus eine romantische gewesen sein, sei es das Bedürfnis von einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Jung und Alt und vor allen Dingen von verschiedenen, aber offenen Menschen zu erzählen, oder dem schönen Märchen, daß Liebe und Zuneigung jeden zu ändern vermögen. Doch diese gewollt leisen Töne mutieren zu lauten Forderungen, Veränderungen werden mit Gütesiegeln konnotiert und so verläßt man das Kino schließlich mit jenem Gefühl, daß man nach einer Frontalunterrichtsstunde hat, in der man nichts, aber auch gar nichts verstanden hat, weil man nur auf den Gong gewartet hat. 2010-12-31 10:31

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