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Immer Drama um Tamara

Tamara Drewe. GB 2010. R: Stephen Frears. B: Moira Buffini. K: Ben Davis. S: Mick Audsley. M: Alexandre Desplat. P: Ruby Films. D: Gemma Arterton, Roger Allam, Bill Camp, Dominic Cooper, Luke Evans, Tamsin Greig, Jessica Barden, Charlotte Christie u.a.
111 Min. Prokino ab 30.12.10

Im Bett mit Genette

Von Cornelis Hähnel Um die Komplexität von Stephen Frears' neuem Werk deutlich zu machen, muß man bis ins Jahr 1874 zurückgehen. Mindestens. In diesem Jahr veröffentlicht der britische Schriftsteller Thomas Hardy sein viertes Werk »Am grünen Rand der Welt« als monatlichen Fortsetzungsroman im »Cornhill Magazine«. Das Buch gehört zu seinen – schon damals – sehr populären »Wessex«-Romanen, die alle in dieser fiktiven Grafschaft im Südwesten Englands angesiedelt sind. In der Kulisse der halb realen, halb fiktionalen Ortschaften ersinnt Hardy seine Geschichten um Natur und Fortschritt, Sexualität, Freundschaft und natürlich Liebe mit all ihren Auswüchsen. Gute 130 Jahre später kreiert Posy Simmonds, lose basierend auf den Motiven von Hardys Vorlage, die Graphic Novel »Tamara Drewe«, die – ebenfalls seriell – im »Guardian« erscheint. Diesen Comic hat Stephen Frears nun für die Leinwand adaptiert. Unter dem Baldachin intermedialer Beziehungen tummeln sich die Charaktere, die das Geschehen mit einer ordentlichen Portion Autoreflexivität unterfüttern.

Der erfolgreiche Krimiautor Nicholas und seine Frau Beth bieten in ihrem Haus im Kaff Ewedown in der Grafschaft Dorset ein Arbeitsrefugium für Schriftsteller (darunter u. a. der Übersetzer Dr. Glen Larson, der gerade an einem Buch über Thomas Hardy arbeitet). In diese Ruhe am grünen Rand der Welt kehrt Tamara Drewe zurück, die mittlerweile als erfolgreiche Kolumnistin in London lebt. Und mit ihr kommt Aufregung in das verschlafene Örtchen, wozu ihre Nasenkorrektur einen großen Teil beiträgt. Aus der unscheinbaren Außenseiterin ist jetzt ein stupsnasiges Sexobjekt geworden. Die Schönheits-OP führt en passant die grundlegenden Themen des Films ein: begehren und betrügen, lieben und lügen. Oder noch konkreter: Die Kunst der Liebe als die Kunst der Lüge. Und die Kunst an sich, insbesondere das Schreiben an sich, ist sowieso nur ein Lügengebilde. So empfindet denn auch Nicholas, der Schriftsteller als überzeugende Lügner und Märchenerzähler ansieht, als Diebe von anderer Personen geistigem Eigentum sowieso (an dieser Stelle begrüßen wir nun auch die letzte Theorie-Instanz, die Intertextualität).

Stephen Frears hat sichtlich Freude am Inszenieren des intellektuellen Überbaus, genüßlich streut er literarische Verweise, ständig wird geschrieben, gelesen, gelogen und geschönt. Literatur und Liebe, zwei Dinge, die hier vom Lügen und Belogenwerden geprägt sind (wobei an die Doppeldeutigkeit des Begriffs »Storyteller« erinnert sei). Auch Frears sind die essentiellen Kniffe des Geschichtenerzählens vertraut, was erneut an seinem Gespür für Tempo und Dramaturgie deutlich wird. Glücklicherweise ist auch auf der Leinwand die Figur der Tamara mehr Knoten- denn Mittelpunkt des Geschehens, immer wieder wechselt der Blickwinkel und die Perspektive der Erzählung. Doch wo bei Simmonds mal lange Monologe, dann wieder wenige Worte und immer wieder Einsprengsel anderer literarischer Gattungen und Textschnipsel den besonderen Reiz des Text-Bild-Verhältnisses ausmachten, kommt die Geschichte bei der Verfilmung durch die Alleinstellung des Bildes ins Straucheln. Zwar versucht Frears das Fehlen der Literarizität wegzumogeln, indem er z. B. die gelangweilten Teenie-Girls Jody und Casey als Mischung aus auktorialen Erzählern und griechischem Chor etabliert, doch als sie aktiv zum Überschlagen der Ereignisse beitragen, verlieren sie diese Stellung. In einer Geschichte, in der das Erzählen und das Schreiben von so großer Relevanz sind, fehlt dem Medium Film ganz einfach ein wichtiger Faktor: das geschriebene Wort. Natürlich ist es zu kurz gegriffen, Adaptionen als von vornherein zum Scheitern verurteilte Unterfangen zu brandmarken, doch bei einem Werk wie »Tamara Drewe«, das ein wortwörtlicher Vertreter der Gattung »Graphic Novel« ist, stoßen die filmischen Mittel an ihre Grenzen. Und so bemüht sich Frears mit jenem bereits erwähnten theoretischen Überbau, Löcher in der Erzählung zu stopfen; das dadurch konsequent dargebotene Interpretationspotential ist schier unerschöpflich, aber im Handlungsverlauf dem regen Beziehungskarussell letztlich untergeordnet. Denn auf der Leinwand sieht man etwas anderes: Wie eine operierte junge Frau in extrem kurzen Hosen über einen Zaun klettert. 2010-12-24 10:30

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