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Nowhere Boy

GB 2009. R: Sam Taylor-Wood. B: Matt Greenhalgh. K: Seamus McGarvey. S: Lisa Gunning. M: Alison Goldfrapp, Will Gregory. P: Ecosse Films, UK Film Council. D: Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff, David Threlfall, Josh Bolt, Ophelia Lovibond, Kerrie Hayes, Angela Walsh, Paul Ritter u.a.
98 Min. Senator ab 8.12.10

Lennon, wie wir ihn nicht kennen

Von Dietrich Brüggemann Die Beatles, die Beatles, die Beatles. Früher hatte man Tanten, die immer von Mozart redeten, oder Onkels, die immer nur Goethe zitierten. Heute hat man Medien, die einem andauernd und immer wieder die Beatles unter die Nase reiben. Alle paar Jahre kommt irgendwas Neues, Remastertes, überraschenderweise im Archiv Gefundenes, endgültig Definitives auf CD heraus, aus den Pilzköpfen werden allmählich die Gipsköpfe einer neuen Klassikerverehrung, die irgendwann genauso zu verstauben droht wie die Klassikerverehrung früherer Generationen.

Nachdem das Kernland der Bandbiographie filmisch schon einigermaßen erschlossen wurde, werden jetzt die Randbereiche abgedeckt. Diesmal geht es um John Lennons Jugend. Und die war in der Tat nicht ohne. Weil seine eigene Mutter irgendwas zwischen nymphoman-manisch-depressiv oder einfach nur etwas zu lebenslustig für ihre Zeit ist, wächst Lennon bei seiner deutlich strengeren Tante auf. Erst mit 15 begegnet er seiner Mutter wieder, freundet sich mit ihr an, lernt von ihr das Banjospielen, steht immer im Spannungsfeld zwischen haltlos lustiger Mutter und disziplinierter Tante – dann wird seine Mutter von einem betrunkenen Polizisten überfahren, und John verliert sie gleich wieder, kaum daß er sie gefunden hat. Das ganze in der Arbeiterstadt Liverpool, in den 1950er Jahren, in einem Land, das zwar den Krieg gewonnen, aber kein Wirtschaftswunder vorzuweisen hat. Reicht eigentlich völlig für einen schönen Film. Mit dem wir es hier auch durchaus zu tun haben. Nur daß die Hauptfigur ausgerechnet dieser John Lennon sein muß, der später diese Band hatte, deren Anfangsstadien der Film auch abhandelt – das müßte gar nicht unbedingt sein. Zumindest spaltet es den Film in zwei Teile.

Der eine Teil, das sind einige wundervolle Schauspieler und eine sensibel erzählte Geschichte. Aaron Johnson in der Hauptrolle ist deutlich zu alt, nämlich 19 und nicht 15, und sieht auch nicht so wirklich nach John Lennon aus, aber vor allem wird ihm die Schau gestohlen von zwei großartigen Kolleginnen: Anne-Marie Duff als Lennons Mutter und vor allem Kristin Scott Thomas. Noch vor nicht allzulanger Zeit in romantischen Hauptrollen zu sehen, jetzt ins Mutterfach gewechselt, spielt sie die erwähnte Tante Mimi, und wie sie es schafft aus dieser Figur, bei der viele dämliche Klischees so nahelägen, eine komplexe, nachvollziehbare, liebenswerte Person zu machen, das muß man gesehen haben. Auch das übrige Jungvolk macht seine Sache gut. Thomas Brodie Sangster sieht zwar auch nicht im Entferntesten aus wie Paul McCartney, spielt ihn aber total überzeugend. Die filmische Umsetzung haut einen nicht gerade um vor Originalität – die Regisseurin Sam Taylor-Wood ist von Haus aus eine ziemlich bekannte Künstlerin, da hätte man irgendwie etwas mehr Interesse für ein paar grundlegende Fragen ans Medium Film erwartet – aber insgesamt ist Nowhere Boy ein solider, anfangs etwas zäher, später durchaus berührender Film über einen orientierungslosen Jungen zwischen zwei charismatischen Frauen im England der 1950er Jahre.

Aber über all dem schwebt immer noch der große Schatten der Beatles. Jedesmal, wenn der junge John zum Instrument greift, ist er nicht einfach ein Junge, der zum Instrument greift, sondern ein Genie auf der Startbahn. Die Beatles, Hamburg, George und Ringo, Yesterday, Let It Be, kreischende Backfische, Fortbildung zum Hippie, Yellow Submarine, Guru Maharishi, Yoko Ono, Mark Chapman – die ganze endlose Assoziationskette hängt bleischwer über jeder Szene. Zu schwer für den Film. Da hätte man zumindest etwas mehr nach Ähnlichkeit besetzen müssen und die ganze Bandgeschichte etwas zentraler erzählen. So bleibt eine nicht zwingend, gleichwohl schön erzählte Coming-of-Age-Geschichte, die man glaubt, zusammen mit einer Starbiographie, die man nicht so recht glaubt. Die Filmmusik ist nicht besonders inspiriert und erklingt zu oft. Wer Beatles-Songs hören will, wird enttäuscht. Der Akzent ist schwer verständlich. Eine melancholische Grundstimmung bleibt hängen. John Lennons Mutter starb 1958, Lennon selber wurde 1980 erschossen, Tante Mimi lebte noch bis 1991. Die Beatles werden immer da sein. 2010-12-03 17:02

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