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Was will ich mehr

Cosa voglio di più. I/CH 2010. R,B: Silvio Soldini. B: Doriana Leondeff, Angelo Carbone. K: Ramiro Civita. S: Carlotta Cristiani. M: Giovanni Venosta. P: Lumiere & Co. D: Alba Rohrwacher, Pierfrancesco Favino, Teresa Saponangelo, Giuseppe Battiston, Fabio Troiano u. a.
126 Min. Alamode ab 9.12.10

Sinneslust

Von Arezou Khoschnam Als Anna und Domenico sich sehen, knistert es heftig. Es dauert nicht lang, und sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Jeden Mittwoch treffen sie sich heimlich in einem Motel, denn beide leben bereits in festen Beziehungen. Richtig problematisch wird es jedoch erst, als sie sich ineinander verlieben und zwischen ihrem alten und neuen Leben wählen müssen.

Die Geschichte ist nicht neu. Doch mit ihrem Titel knüpft sie auf gewisse Weise an eine Reihe von internationalen Filmen der letzten zehn Jahre an, in denen das Motiv der Affäre eine ideologische Wandlung erfahren hat. Es sind nun vermehrt die Frauen, die aus ihrem Alltag fliehen und in einem Abenteuer einen Moment des Glücks suchen. Das Erstaunliche dabei ist, daß sie scheinbar ein erfülltes Leben führen und daher ihr offensichtliches Glück bewußt aufs Spiel setzen. In Adrian Lynes Hollywood-Drama Untreu (2002) beispielsweise gibt sich eine Frau einem schönen Unbekannten hin, ungeplant, trotz eines gutaussehenden Ehemannes, mit dem sie ein intaktes Sexleben führt und der ihr in einem schönen Zuhause jeden Wunsch von den Augen abliest. Hierzulande haben Ulrich Köhler (Montag kommen die Fenster, 2006) und Lola Randl (Die Besucherin, 2008) ebenfalls Frauenfiguren gezeichnet, die ohne einen ersichtlichen Grund aus ihrer Beziehung ausbrechen und sich wahllos auf Intimitäten mit völlig Fremden einlassen.

Die Ursachen fallen weg, die Handlungen fungieren als Selbstzweck. Der Zeitgeist verlangt nach keinem Motor. Die Frage nach dem »Warum« wird dem Zuschauer in keinem der genannten Beispiele beantwortet. Silvio Soldini hingegen greift diese Frage im Titel seines Dramas Was will ich mehr auf. Da erscheint es inkonsequent, daß auch ihm wenig an einer Erklärung liegt, wenngleich er oberflächliche Antworten bietet. Anna lebt zwar in einer harmonischen Beziehung mit ihrem Freund, darin mangelt es jedoch offensichtlich an Leidenschaft. Domenico wiederum hat eine hübsche Frau und zwei kleine Kinder, doch seine finanziellen Schwierigkeiten belasten zunehmend sein Eheleben.

Soldinis Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf der inneren Zerrissenheit seiner Figuren. Während er sie dokumentarisch auf ihrer emotionalen Achterbahnfahrt begleitet, geht er der Frage nach, ob es irgendwann zu spät ist, sein altes Leben gegen ein neues einzutauschen. Durch die inszenatorische Zurückhaltung und die Leistung der Schauspieler wirkt der Film sehr authentisch, wird die altbekannte Geschichte letztendlich sehenswert. Besonders Alba Rohrwacher in der Rolle der Anna ist hervorzuheben, deren zarte und gleichzeitig intensive Mimik regelrecht verblüfft, weil sie uns in jeder Szene davon überzeugt, daß wir ihr nicht zuschauen.

Annas und Domenicos Ausbruch ist ein schöner Traum, den sie nur kurz leben können, denn ihre gemeinsame Utopie wird irgendwann von der Realität eingeholt. Eine Flucht ohne Verfolgung, so könnte man schlußfolgern, ist keine stabile Basis für ein neues Leben. 2010-12-03 17:03
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