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Ein Mann von Welt

En ganske snill mann. N 2010. R: Hans Petter Moland. B: Kim Fupz Aakeson. K: Philip Øgaard. S: Jens Christian Fodstad. M: Halfdan E. P: Paradox Spillefilm A/S. D: Stellan Skarsgård, Bjørn Floberg, Gard B. Eidsvold, Jorunn Kjellsby, Bjørn Sundquist, Jon Øigarden, Kjersti Holmen, Jan Gunnar Røise u.a.
107 Min. Neue Visionen ab 9.12.10

Gentleman wider Willen

Von Kyra Scheurer A somewhat gentle man war Ein Mann von Welt im internationalen Wettbewerb der diesjärigen Berlinale tituliert. Und tatsächlich, irgendwie ist dieser Mann, Ulrik, ein blasser, lakonischer Klotz, der hinten einen fiesen grauen Zopf trägt, weil oben die Haare deutlich ausgehen, irgendwie ist dieser frisch aus dem Knast entlassene Mörder, der stante pede in die nächste Misere schliddert unter all seiner grobschlächtigen Schweigsamkeit vor allem eines: gentle. Ein Frauenmagnet wider Willen ist er ohnehin – aber dazu später mehr. Zunächst hat Ulrik ganz andere Probleme: Obwohl er da gar nicht so dringend weg will hat man ihn aus dem Knast entlassen. Natürlich wartet keiner auf ihn und nicht nur die Tatsache, daß er überall raucht macht deutlich, wie fremd er der Welt und die Welt ihm geworden ist. Und weil er so gar nicht weiß wohin, landet er wieder bei Jensen, dessen »Erlediger« er mal war und der einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte, daß der irgendwie eher pazifistisch veranlagte Ulrik seinerzeit den Liebhaber seiner Frau erschossen hat. Mittlerweile macht Jensen selbst nicht die beste Figur: Künstlicher Darmausgang, lädierter Mercedes und jede Menge offene Rechnungen. Aber weil Jensen weiß, daß Ulrik nicht gut nein sagen kann, spannt er ihn gleich wieder ein. Er soll Kenny beseitigen, der ihn damals verpfiffen hat. Und obwohl es für Ulrik dank neuem Job in einer Autowerkstatt und zarten Kontaktversuchen zu seinem inzwischen erwachsenen Sohn eigentlich gar nicht so schlecht läuft, tut er bald schon wieder jede Mange Dinge, die er eigentlich nicht will: Von irren Lappen Waffen kaufen, dem gewalttätigen Ehemann seiner spröden, aber reizvollen Arbeitskollegin die Arme brechen, sich vor seiner schwangeren Schwiegertochter als Onkel seines Sohnes ausgeben, einen neuen Mord planen und – vor allem – mit Frauen schlafen, vor denen es ihn eigentlich ekelt. Da ist zum einen die ihm gegenüber verständlich ambivalent eingestellte Exfrau, vor allem aber verknüpft die unansehnliche Vermieterin seiner Kellerlochbehausung die allabendliche Lieferung selbstgemachter Fischfrikadellen mit zusehends gewagteren Outfits, unentrinnbareren Avancen und in besonders eindeutigen Fällen – Kompott.

Es sind sicher die unromantischsten und gleichzeitig komischsten Sexszenen, die man seit langem auf der Leinwand zu sehen bekam, und dementsprechend werden diese Momente des Films besonders im Gedächtnis bleiben – ob man will oder nicht. Seinen eigentlichen Charme aber verdankt Ein Mann von Welt dem Stoizismus mit dem Ulrik sein Unglück erträgt und der Doppelbödigkeit im Spiel von Stellan Skarsgård. Dieser schwedische Ausnahmedarsteller, vielen sicher vor allem aus amerikanischen Blockbustern wie Fluch der Karibik 2, Mamma Mia oder Illuminati bekannt, bildet hier mit dem dänischen Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson und nicht zuletzt dem norwegischen Regisseur Hans Petter Moland ein fulminantes Dreigestirn skandinavischen Talents. Und so offensichtlich Finnland in dieser Aufzählung fehlt, so offensichtlich scheinen angesichts der skurrilen Figuren spröden Charmes, der kargen Settings und der oft betont lakonisch-schrägen Situationskomik die Parallelen zum großen Finnen Aki Kaurismäki. Die Tiefe und Wärme von dessen besten Filmen allerdings erreicht Ein Mann von Welt nicht ganz, ebenso wenig die Präzision und Subtilität in Inszenierung und Ästhetik. Aber vielleicht hatten die Macher ja auch ganz andere Vorbilder. Die Coen-Brüder beispielsweise werfen fast überdeutlich lange Schatten in die ein oder andere Szene und auch die erfolgreiche schwarze Komödie Brügge sehen und sterben hat zumindest in puncto Hauptfigur hier einen würdigen Nachfolger gefunden. Bleibt zu hoffen, daß diese abgründige Mischung aus einsilbigen Dialogen, norwegischer Winterödnis mit dauerfiesem Wetter, kaputten Familien, grellbunten Hemden, grauem Essen und noch grauerem Sex den deutschen Kinoherbst für möglichst viele Zuschauer zu einem goldenen machen kann – und daß Ulrik, Gentleman wider Willen, auf diesem Weg weitere Erfolge bei Frauen verbuchen kann. 2010-12-03 17:03

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