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Ich sehe den Mann Deiner Träume

You Will Meet a Tall Dark Stranger. USA/E 2010. R,B: Woody Allen. K: Vilmos Zsigmond. S: Alisa Lepselter. P: Gravier Productions, Mediapro. D: Antonio Banderas, Naomi Watts, Josh Brolin, Sir Anthony Hopkins, Freida Pinto, Gemma Jones, Lucy Punch, Anupam Kher u.a.
98 Min. Concorde ab 2.12.10

Budenzauber

Von Carsten Happe Illusionen, Illusionen. Nehmen wir für einen Moment an, Ich sehe den Mann Deiner Träume ist Woody Allens Inception. Die Traumwelt eines blitzsauberen Upper-Class-London, in der die Charaktere an ihren Luxusproblemen verzweifeln, ihre Midlife Crises in vollen Zügen ausleben und ihre Neurosen verwalten. »The Architect«, die Raumgestalterin des Traums, gespielt von Ellen Page in Inception, ist hier die windige Wahrsagerin Cristal, deren blumigen Voraussagungen die jüngst sitzengelassene Helena blind vertraut. Helena richtet fortan ihr gesamtes Leben – und das ihrer Mitmenschen – nach den Prophezeiungen von Cristal aus. Und setzt damit den Liebesreigen in Gang, der die Handlung von Allens vierzigster Regiearbeit bestimmt. Daß wir uns dabei fortwährend in einer Traumwelt befinden, zeigt sich vor allem dann, wenn die Dramaturgie unerwartete Haken schlägt wie in dem Moment, als sich die bildschöne Nachbarin Gia, dargestellt von Freida Pinto, auf eine Affäre mit dem glücklosen Autor Roy, Helenas Schwiegersohn, einläßt, nachdem der sie monatelang als Stalker durch ihr Schlafzimmerfenster bespannt hatte. Zumindest Helenas vormaliger Ehemann Alfie vermag letztlich aus seiner mittlerweile zum Alptraum mutierten Midlife Crisis aufzuwachen und der Realität seines Daseins ins Auge zu blicken, während alle anderen noch unsanft aus ihren Fantasien geweckt werden müßten.

Woody Allen hat in seiner Filmographie schon oftmals mit dem Übersinnlichen gespielt, das bei ihm auch immer die Aura der Scharlatanerie mit umfaßte. Der Hypnotiseur in Im Bann des Jade Skorpions oder der Zauberer in Scoop, das Zirkusvolk in Schatten und Nebel, sie werden bei aller Faszination ebenso mit berechtigter Skepsis betrachtet, bringen sie die Protagonisten doch zumeist in arge Bredouille. Auch die vertrauensselige Helena bekommt ihre Lektion zu spüren, als sie sich in die Hände der Wahrsagerin begibt. Einmal mehr werden die großen Themen Woody Allens in Ich sehe den Mann Deiner Träume verhandelt, die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, die Angst vor dem Tod, das künstlerische Versagen und die bittere Endlichkeit persönlicher Beziehungen. Bis weit in die 1980er Jahre kleidete Allen seine Topoi in strikt komödiantische oder dramatische Korsette – die Freudlosigkeit eines Innenleben oder September scheint heutzutage kaum mehr vorstellbar –, in den vergangenen beiden Jahrzehnten sind seine Filme ein ihm eigener tragikomischer Mix, der mal mehr, mal weniger zur einen oder anderen Seite pendelt, ohne den Grundtenor generell zu verlassen.

Das gelingt ihm mal überzeugender, wie etwa bei Vicky Cristina Barcelona oder Match Point, die über eine bestechende Unausweichlichkeit verfügten, oder eben weniger wie zuletzt bei Cassandras Traum, der ein wenig unentschlossen in der Luft hängen blieb. In Ich sehe den Mann Deiner Träume geht Allen bisweilen leider zu schnell den Weg des geringsten Widerstands und liefert die geistig minderbemittelte Charmaine, die blutjunge neue Gespielin Alfies, allzu billigen Witzchen auf ihre Kosten aus. Auch Helenas obsessive Beschäftigung mit dem Übersinnlichen (ihre vermeintliche Seelenverwandtschaft mit einem kauzigen Buchhändler, mit dem sie gemeinsam Séancen besucht) wird eher herablassend und zynisch betrachtet. Ein allwissender Off-Kommentar, der die elliptische Erzählweise ironisch überbrückt, befeuert die Distanz zwischen dem Publikum und den Charakteren, die wie Schachfiguren auf dem Spielbrett verschoben werden, zusätzlich.

Leider zu selten gibt Allen seinem namhaften Ensemble die Gelegenheit, sich aus der starren Dramaturgie freizuspielen. Die stärksten Szenen sind dann auch die energischen Wortgefechte zwischen Gemma Jones' Helena, ihrer Tochter Sally, verkörpert von Naomi Watts, und Josh Brolins Roy, die mit wackliger Handkamera das fragile Beziehungsgeflecht torpedieren, bis jeder von ihnen sein Heil in einer Affäre sucht. Die im (Original-)Titel versprochene Begegnung mit dem »Tall Dark Stranger« ist allerdings für jeden von ihnen eine schmerzliche Sackgasse; eine Illusion, der sie sich für den Moment nur zu gerne hingeben, bevor sie schließlich erkennen, daß es lediglich Fantasien waren, die sie dazu angetrieben haben. 2010-12-01 17:20

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