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Soul Boy

EAK/D 2010. R: Hawa Essuman. B: Billy Kahora. K: Christian Almesberger. S: Ng'ethe Gitungo. M: Xaver von Treyer. P: Ginger Ink Films, One Fine Day Films. D: Nordeen Abdulghani, Christopher Abuga, Rose Adhiambo, Jones Onyango Ajwala, Consolata Apondi, Micheal Babu, Katherine Damaris, Lucy Gachanja u.a.
60 Min. X Verleih ab 2.12.10

Mythen des Alltags

Von Sarah Sander Ein Junge liegt auf dem Rücken zwischen zwei Bahnschienen, die Kamera fängt ihn aus der Luft ein. Unterlegt mit afrikanischer Musik und dem Quietschen und Dröhnen eines herannahenden Zugs, sind die Bilder im schnellen Wechsel mit Close-ups auf ein zuckendes Gesicht und den fahrenden Zug montiert. Schnitte, die Gefahr suggerieren. Bis der Junge mit weit aufgerissenen Augen aus dem Schlaf hochschreckt und die Angst und den Zug als Traum ausweist. Ein filmtypisches Erwachen, das die folgende Geschichte rahmt: Die Montage zwischen Naher und Aufsicht, zwischen dem schweißüberströmten Gesicht und dem Körper des Jungen, der rücklings inmitten der Schienen liegt, markiert den europäisch geschulten Filmblick, der die afrikanische Erzählung strukturiert. Denn das »europäische« Filmerwachen bildet den Ausgangspunkt für die alltagsmythendurchwobene »afrikanische« Narration.

Soul Boy erzählt eine Geschichte aus dem Herzen Kiberas, Nairobis größtem Slum. Es ist die Geschichte vom Jungen Abila (Samson Odhiambo), der auszieht, die Seele seines Vaters zu retten, die dieser bei der Nyawawa verspielt hat. Dazu muß Abila sieben Aufgaben lösen, welche die folgende Erzählung ebenso strukturieren wie Montage und Kamerablick. Denn die Aufgaben der Nyawawa rücken den gezeigten Alltag Kiberas in ein immer etwas anderes Licht; immer wieder laden sie Zeichen und Situationen mit mythischer Bedeutung auf. Ein Konnotationssystem, das den simplen Abdruck einer Sonne auf dem T-Shirt eines Schlägers, einem Kaffeesack oder dem Gewand von Abilas Tante zum bedeutungsvollen An-Zeichen macht. Soul Boy verwebt so die Geschichte mit dem Aberglauben der Region und einem geschulten Kamerablick zu einem Lehrstück für mehr Mut und Toleranz. Denn Soul Boy zeigt nicht nur die Durchmischung des kenianischen Alltags mit mythischem Aber-/Glauben und magischem Film-/Realismus, sondern auch die Einbettung der Filmproduktion in ihren Entstehungskontext.

2008 initiierten Tom Tykwer und seine Partnerin Marie Steinmann die Produktionsfirma One Fine Day Films, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ostafrikanische Filmprojekte zu fördern. Soul Boy ist ihr Pilotprojekt. Hervorgegangen aus der Arbeit von One Fine Day e.V. und der britischen NGO Anno's Africa, die Kunstunterricht und -workshops in den Slums von Nairobi anbieten, liegt auch der Produktionsfirmengründung die Überzeugung zugrunde, daß »durch den Zugang zu Kunstpraktiken und die Vermittlung ästhetischer Prinzipien Kinder und Jugendliche später bessere Chancen haben, ihr Leben freier und selbstbestimmter zu gestalten«. Das Konzept von One Fine Day Films sieht vor, mit Hilfe von Workshops und einem Mentorensystem Filminteressierten aus der Region, und v. a. auch aus den Slums, Zugang zur Arbeit an professionellen Filmproduktionen zu ermöglichen und die entstehenden Filme auf dem internationalen Markt zu präsentieren. So wurde Soul Boy von einem jungen Team realisiert, das zu ca. 90 Prozent aus kenianischen Filmemachern bestand, unterstützt von einer Gruppe europäischer »Mentoren«: Das Drehbuch entwickelte der kenianische Autor Billy Kahora gemeinsam mit Tykwer, Regie führte die junge ghanaisch-kenianische Filmemacherin Hawa Essuman, gecastet wurde in Schulen und Theatergruppen in den Slums von Nairobi. Bei einer derart geprägten Schule verwundert es nicht, daß das Pilotprojekt ein formal etwas lehrstückhafter Film geworden ist, der einen sehr europäischen Kamerablick auf die Mythen des afrikanischen Alltags wirft.

Soul Boy ist ein magisch-realistischer Film über das Leben in einem der größten Slums Ostafrikas, montiert zu einem spannenden Jugendfilm. Es ist ein Film vom Erwachsenwerden in Kibera, zwischen Aids-Theater, Aberglaube und ethnischen Vorurteilen, erzählt in Bildern in rostbraun, grün und ockergelb, durchwoben von Mythen des Alltags. Die afrikanischen Mythen zeigen sich dabei in der Geschichte, getragen von Zeichen, Musik und Farben; die europäischen in den tradierten Kamerablicken und Montagen – in den Gegenschnitten und Blickanschlüssen des Tykwerschen Erzählkinos. 2010-12-01 17:20

Abdruck

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