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Live aus Peepli – Irgendwo in Indien

Peepli Live. IND 2010. R,B: Anusha Rizvi. K: Shanker Raman. S: Hemanti Sarkar. M: Mathias Duplessy. P: Aamir Khan Productions. D: Omkar Das Manikpuri, Raghuvir Yadav, Malaika Shenoy, Shalini Vatsa, Nowaz, Farrukh Jaffar, Vishal Sharma, Sitaram Panchal u.a.
108 Min. Rapid Eye Movies ab 11.11.10

Selbstmord und Spaß

Von Julian Bauer »Tears have also salt – lick them when they fall«. Während Weisheiten auf der Tonspur besungen werden, zeigt die Kamera Alltägliches von indischen Straßen. Auf bunten, klapprigen, voll bepackten Fahrzeugen geht die Reise von der Stadt ins Dorf. In das Dorf von Natha, der einen staatlichen Kredit nicht zurückbezahlen kann, weil seine landwirtschaftlichen Erträge viel zu gering ausfallen. Die Angst, das eigene Land zu verlieren, läßt den Ausweg des Selbstmords verführerisch werden. So zumindest könnte seine Familie gerettet werden, denn Natha erfährt zufällig, daß Witwen von Selbstmördern staatliche Unterstützung erhalten. Eine absurde Ausgangslage, die das wirklich Absurde aber erst zu Tage fördert: Der Umgang der Regierung und der Medien mit den Leiden unterster Bevölkerungsschichten. Denn als Nathas mehr oder weniger ernst gemeinten Selbstmordgedanken durch Zufall öffentlich werden, beginnt der wahre Zirkus erst so richtig.

Die Regisseurin Anusha Rizvi nähert sich dem Thema komödiantisch, manchmal in etwas überzogener Manier. Getreu dem Vorbild einer Komödie sind die Charaktere scherenschnittartig. Doch auch wenn manche Sätze zu Aphorismen zu verkommen drohen, verfällt der Film nicht in Polemiken. Es gibt wenige Rührseligkeiten, sowie die Sympathien nicht durchgängig bei einem Charakter verortbar sind. Das liegt oft daran, daß die Montage in ihrer Kommentarfunktion nie überstrapaziert wird. So geschieht es, daß man zuweilen ein wenig in den zahlreichen Personenkonstellationen umherirrt.

Rizvi gibt uns keinen wirklichen Hauptprotagonisten, dafür aber Bilder: so die stoische Arbeit eines Bauern. Sein Überlebenskampf wird wie zu einer Arbeiterikonographie stilisiert. Unter erbarmungslos brennender Sonne hackt dieser hagere, sehnige Körper Erde aus dem widerwilligen Boden. Der Schweiß glänzt auf seinem kraftvollen, wie ausgemergelten Leib. Seine Füße vergraben sich in der Großaufnahme im Staub. Seine Geschichte, die analog zu Nathas Geschichte gesetzt wird, ist für die Medienmacher im Film uninteressant, weil nicht vermarktbar. Für Rizvi können diese Bilder jedoch zur Kernmetapher werden: Der Mann wird sich sein eigenes Grab graben. Doch das immer wieder sorglos Lapidare an diesem Film verhindert, daß der Film propagandistisch oder allzu lehrhaft wirkt. Das ist gut. Das Ende schmeckt umso bitterer. 2010-11-08 14:20
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