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Stichtag

Due Date. USA 2010. R,B: Todd Phillips. B: Alan R. Cohen, Alan Freedland, Adam Sztykiel. K: Lawrence Sher. S: Debra Neil-Fisher. M: Christophe Beck. P: Warner Bros. Pictures, Legendary Pictures, Green Hat Films. D: Robert Downey Jr., Zach Galifianakis, Michelle Monaghan, Jamie Foxx, Juliette Lewis, Danny R. McBride u.a.
100 Min. Warner ab 4.11.10

Ein Ticket für zwei

Von Nils Bothmann Zwei Männer, zwei Sonnenbrillen, zwei Welten. Bereits an erwähntem Accessoire kann man Peter (Robert Downey Jr.) und Ethan (Zach Galifianakis) bei ihrem ersten Aufeinandertreffen am Flughafen voneinander abgrenzen. Peters schickes Designermodel sagt schon fast alles über seine (ansonsten kaum weiter spezifizierte) Yuppiewelt aus, ähnlich wie der Handyknopf im Ohr und der Anzug am Leib, während Ethans billiges Plastikteil ihn ebenso charakterisiert wie sein strubbeliger Gesichtspullover und seine nachlässige Kleidung. Das Schicksal bzw. die Wendungen des Drehbuchs zwingen den Upper-Class-Typen mit aggressiven Tendenzen und den dauerquasselnden Möchtegernschauspieler zu einer gemeinsamen Odyssee durch die USA, ähnlich wie dereinst Steve Martin und John Candy in Ein Ticket für zwei, der gut und gerne als Blaupause für Todd Phillips' Stichtag gesehen werden kann. Die Rollen sind ähnlich angelegt, der Humor an derzeitige Verhältnisse angepaßt, denn wo Candy noch Bier im Bett verschüttete und Socken im Waschbecken einlegte, da qualmt Galifianakis Marihuana beim Fahren und masturbiert vorm Schlafengehen. Und die Enthüllung, warum ein Mann zum kontaktfreudigen Quälgeist geworden ist, die gibt es hier auch; Stichtag verlagert sie nur vom Filmende ins erste Drittel, was den Charakter Ethans allerdings besser erklärt und erträglicher macht als den Vorläufer in John Hughes' Werk.

Die Prämisse ist nur bedingt originell, denn neben den Anleihen bei Ein Ticket für zwei kombiniert Todd Phillips Elemente seines bisher besten Films (Road Trip) mit dem Newcomer seines bisher erfolgreichsten Films (Hangover). Phillips steht für körperlichen, ausgesprochen respektlosen Humor, in seinen Filmen gibt es Sex zwischen Unter- und Übergewichtigen (Road Trip), an die Genitalien von Verbindungsanwärtern befestigte Wackersteine (Old School), tote Pferde (Starsky & Hutch) und gegen Autotüren gedonnerte Babys (Hangover). Stichtag reiht sich da nahtlos ein, kennt wenige Hemmungen und ist trotzdem angenehm zurückhaltend, was das Abjekte angeht – lediglich eine immerhin recht dezente, aber doch irgendwie unnötige Kotzszene hätte nicht sein müssen. Robert Downey Jr. steht da mit Filmen wie Kiss Kiss, Bang Bang, Sherlock Holmes oder auch Tropic Thunder eigentlich für eine andere Art von Humor und bekommt daher wohl vom Drehbuch eine Szene serviert, in der er eine Kaffeedose anspielen muß, mit nichts anderem als diesem Objekt kommuniziert, in dem sich (ähnlich wie in The Big Lebowski) die Asche eines Toten befindet. Und doch kann er sich dem Film unterordnen, sein Schauspiel dem Ton anpassen. Ähnlich wie Downey Jr. sollte man als Zuschauer also akzeptieren, daß der Humor weniger dem Dialog entspringt, sondern vor allem auf derben Slapstick setzt, den Phillips und seine Editorin Debra Neil-Fisher allerdings stets mit sicherem Timing platzieren – Komik entsteht hier oft im Schnitt und Neil-Fisher beherrscht ihr Handwerk, das kann man nicht anders sagen.

Darüberhinaus bedient Stichtag aber auch die spätestens seit der Apatow-Produktion Superbad ausgesprochen populären Genres der »Bromance« oder »Bromedy«, also Filme über Männerfreundschaften, die so eng sind oder im Verlaufe des Films so eng werden, daß die Protagonisten sich so nahe wie Brüder sind. Mit Werken wie Vorbilder?!, Trauzeuge gesucht! und Männertrip wurde der Trend in den letzten Jahren emsig befeuert und auch Stichtag gibt seinen Protagonisten die Zeit sich zwischen den Witzeleien in reichlich »male bonding« zu üben. Großartige Charakterporträts darf man nicht erwarten, jedoch gibt dies den Protagonisten die emotionale Basis, um sie nicht als reine Witzfiguren zu präsentieren. Die ruhigen Momente schaffen zudem einen Ausgleich zur überdrehten Komik des Films, ebenso wie die Road Movie typischen Panoramashots und Luftaufnahmen, welche die gerade durchquerte Landschaft in ihrer vollen Pracht ablichten.

Stichtag ist versiert in Szene gesetzt, angesichts des wenig originellen Drehbuchs nicht unbedingt herausragend, aber doch recht amüsant für alle Freunde von Bromance, Bromedy und ähnlichen Brofanitäten. Und mal ehrlich: Wer lacht nicht, wenn Robert Downey Jr. ein nerviges Kind mittels »sucker punch« zu Boden schickt? 2010-11-02 17:52
© 2012, Schnitt Online

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