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Wir sind die Nacht

D 2010. R,B: Dennis Gansel. B: Jan Berger. K: Torsten Breuer. S: Ueli Christen. M: Heiko Maile. P: Rat Pack Filmproduktion. D: Karoline Herfurth, Nina Hoss, Jennifer Ulrich, Anna Fischer, Max Riemelt, Arved Birnbaum, Steffi Kühnert, Jochen Nickel u.a.
100 Min. Constantin ab 28.10.10

Emanzipation der Vampire

Von David J. Lensing Der Vampir ist nicht totzukriegen. Nicht in der Literatur, nicht im Kino. Jede Dekade bringt Dutzende Filme rund um Nosferatu, Dracula und die unsterblichen Verdächtigen hervor. Doch in diesen Jahren erleben wir einen Hype, wie ihn selbst der blasse Blutsauger selten zu sehen bekommt. Auslöser sind die »Bis(s)«-Romane von Stephenie Meyer und deren kassenträchtige Verfilmungen. Seit 2008 Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen anlief, locken Vampire wieder Zuschauer ins Kino. Bevor diese Welle abklingt, gilt es, darauf aufzuspringen. Das werden sich auch Rat Pack und Constantin Film gedacht haben – und natürlich Dennis Gansel, der schon seit geraumer Zeit eine präzise Vorstellung von einer Vampirromanze in der Berliner Clubszene hegt. Jetzt ist die Zeit reif, doch die Idee ist es nicht. Obwohl sie schon seit 1996 in Gansels Kopf herumspukt, von ihm längst in Form eines Exposés namens »The Dawn« niedergeschrieben und nun von Die Tür-Autor Jan Berger in ein Drehbuch mit dem Titel Wir sind die Nacht verwandelt wurde, hat die Geschichte über eine weibliche Vampir-Clique mit homoerotischen Spannungen dramaturgische Unebenheiten und logische Brüche. Bedauerlich ist dieses verschenkte Potential hinsichtlich der visuellen Kraft des Films: Mit spektakulären Actionszenen und turbulenten Verfolgungsjagden in Großstadt-Kulissen bewegt sich Wir sind die Nacht technisch auf internationalem Niveau.

Man hätte die Handlung leicht als Kammerspiel in wenigen Räumlichkeiten ansiedeln können – stattdessen hat sich Regisseur Dennis Gansel dazu entschieden, Berlin zu seiner Hauptdarstellerin zu machen, und wählt imposante Settings. Sein Blick auf die Metropole ist angenehm unverbraucht: Im Mittelpunkt stehen nicht die allseits bekannten Touristen-Hotspots und Standard-Panoramen, sondern Ecken und Winkel der Hauptstadt, die es bislang selten auf die große Leinwand geschafft haben, wie das Pallasseum, der Teufelsberg oder die ruinösen Abbruchhäuser des ehemaligen DDR-Rundfunks in Oberschöneweide. Eine Szene, die beispielhaft für die qualitative Divergenz zwischen Dekor und Dramaturgie ist, spielt sich in einer ehemaligen Luftschiffhalle nahe Berlin ab. Darin findet sich dank des Freizeitparks »Tropical Islands« eine nachgebaute Strandlagune inklusive künstlichem Sonnenaufgang, den die bekanntlich sonnenscheuen Vampir-Damen in knapper Badebekleidung genießen. Diese originelle Idee wird von dem Klischee erstaunlich dummer Wachtmänner gekreuzt, die allzu rasch (»Dat is ne Riesen-Chance!«) auf ihren Job pfeifen und zu den reizenden Fräuleins in Wasser springen. Jetzt steht die paradiesische Umgebung im starken Kontrast zur Raubtier-Beute-Situation, die sich aus den blutdurstigen Vampiren und den notgeilen Wachtmännern ergibt – trotzdem kommt keine Spannung auf. Das blutige Szenario feiert einen originellen Höhepunkt, in dem einem Wachtmann mit einer Buchseite aus dem Hemingway Roman »Wem die Stunde schlägt« der Hals aufgeschlitzt wird, doch den Zuschauer läßt das Massaker kalt.

Dieses Problem der mangelnden Atmosphäre zieht sich durch den ganzen Film: Er ist nicht gruselig, wenn er gruselig sein will, nicht lustig, wenn er lustig sein will und Folge dessen auch nicht dramatisch, wenn er endlich dramatisch sein will. Der Grund dafür sind die Dialoge, die sich oft auf geradezu kindischem Niveau bewegen, und das Schauspiel, das häufig angestrengt (Nina Hoss), zuweilen total überzogen (Anna Fischer) wirkt. Zu überzeugen weiß Hauptdarstellerin Karoline Herfurth, die dem Zuschauer ihre Verwandlung von einer kleinkriminellen Jugendlichen zu einem strahlenden Vampir glaubwürdig näherbringt. Ihre innere Zerrissenheit und ihre äußere Schönheit sind neben der Ausstattung der Hingucker des Films. Auch ihr männlicher Gegenpart, Max Riemelt als Polizist, liefert eine solide Leistung. Schade, daß den beiden seitens des Drehbuchs so schwere Brocken in den Weg gelegt werden: Als der Polizist die Kleinkriminelle bei ihrer zweiten Begegnung kaum wiederkennt (sie wurde inzwischen gebissen und ist unsterblich), sorgt deren kurzes Gespräch für einen peinlichen Drehbuchtiefpunkt. Angesichts solcher dramaturgischer Schwächen ist das Prädikat »Besonders Wertvoll« mehr als fragwürdig. Dennis Gansel, der seine Qualitäten als Regisseur mit der Adaption Die Welle unter Beweis gestellt hat, bietet mit Wir sind die Nacht die gute Inszenierung eines halbgaren Stoffes – style over substance in Form einer mit Schauwerten gespickten, unausgereiften Geschichte rund um blasse Protagonisten. Und damit ist nicht die Hautfarbe gemeint. 2010-10-27 16:00

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