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Miral

GB/IL 2010. R: Julian Schnabel. B: Rula Jebreal. K: Eric Gautier. S: Juliette Welfling. P: Pathé. D: Willem Dafoe, Freida Pinto, Alexander Siddig, Hiam Abbass, Yasmine Elmasri, Makram Khoury, Shredi Jabarin, Jamil Khoury u.a.
108 Min. Prokino ab 18.11.10

Am Straßenrand der Geschichte

Von Dominik Bühler Julian Schnabel bleibt dabei, er portraitiert in seinen Spielfilmen die Leben real existierender Persönlichkeiten und wählt mit Vorliebe deren eigene biographische Erzählungen als Grundlage. Im Falle von Miral verarbeitet Schnabel einen autobiographisch gefärbten Roman und das darauf beruhende Drehbuch seiner Lebensgefährtin Rula Jebreal. Beginnend mit dem Jahr 1947 bietet der Film einen beinahe 50 Jahre abdeckenden Parforceritt durch die Geschichte des Nahostkonflikts. Er erzählt aus dem Leben von vier Palästinenserinnen, deren Schicksale eng mit der politischen Situation und bedeutenden Ereignissen der palästinensisch-israelischen Geschichte verwoben sind. Der erste Teil des Films wird Hind Husseini gewidmet, die ein Internat für palästinensische Waisenkinder aufbaut, in dem auch die Protagonistin Miral ein zweites Zuhause findet. Bevor diese jedoch eingeführt wird, rücken zunächst die Schicksale ihrer Mutter und der Schwester ihres Vaters in den Mittelpunkt. Nach dem Auftauchen Mirals konzentriert sich der Film dann fast ausschließlich auf das Leben der jungen Frau, die während der ersten Intifada beginnt, sich im palästinensischen Widerstand zu engagieren und dabei nicht nur mit den Ansichten ihres Vaters und der Ersatzmutter Hind in Konflikt gerät.

Vielfach wurde Julian Schnabel vorgeworfen, er beziehe sich zu stark auf die palästinensische Sicht der Dinge. Das Problem liegt jedoch tiefer. Über große Strecken werden die politischen Zusammenhänge mit einer Gelehrsamkeit dargestellt, die dem Zuschauer nur wenig Raum zum Denken und den Figuren keine Möglichkeit zur Entfaltung lassen. Immer wieder werden die Geschehnisse durch Texteinblendungen und die Einspielung von schwarz-weißen Fernsehaufnahmen als wahre Begebenheiten markiert und als nicht zu hinterfragender Lauf der Geschichte vermittelt. Wenn dann ein Freund Mirals sachlich, aber einseitig über die Problematik der Siedler doziert, driftet das Ganze vollends in die Richtung eines naiv agitatorischen Lehrfilms. Einzig in einigen Szenen, in denen Miral sich von den konkreten politischen Ereignissen entfernt, beginnt der Film zu atmen. Mirals Begegnungen mit der jüdischen Freundin ihres Cousins glänzen mit aufblitzendem Humor und sorgen für eine Leichtigkeit, die dem Zuschauer und der Protagonistin kurzzeitig Raum zur Reflektion bietet. Das Potential dieser Freiräume wird jedoch nicht weiter ausgebaut und der Umgang mit den Figuren läßt immer wieder die Intimität vermissen, die Schnabels bisherige Filme so wunderbar zum Leuchten brachte. Wo es in Schmetterling und Taucherglocke gelang, einem körperlich fast vollständig Gelähmten vibrierendes Leben einzuflößen, bleibt Miral meist blutleer und wirkt seltsam unbeteiligt. Die mitunter expressive Bildgestaltung macht es nicht besser. Die Versuche, durch Verzerrungen, Gegenlicht, Unschärfen und instabile Untersichten den Taumel der Figuren durch das Leben zu bebildern, laufen ins Leere. Der subjektiven Kamera, die die früheren Filme Schnabels so lebendig machte, ist das Subjekt abhanden gekommen. Der als Maler berühmt gewordene Schnabel vermag es nicht, die reizvolle Inszenierung seiner vorigen Filme zu übertragen und adäquate Bilder zu schaffen. Uninspiriert greift er zwar auf sein bewährtes Stilrepertoire zurück, findet dabei aber nicht den richtigen Ton.

Dem Film fehlt die radikale Subjektivität, die Schnabel früher so poetisch umsetzte, eine Subjektivität, die von der Verfilmung eines autobiographischen Drehbuchs, in der noch dazu die palästinensische Hauptfigur, das Alter Ego von Rula Jebreal, mit dem indischen Lookalike Freida Pinto besetzt wird, eigentlich zu erwarten wäre. Die Inszenierung leidet unter der fehlenden Entscheidung zwischen objektiver Betrachtung, provokanter Agitation und poetischer Filmkunst. Letztendlich zum Verhängnis wird dem Film jedoch das Sinnbild, das seine Titelheldin charakterisiert. Miral ist eine Blume, die am Wegesrand wächst. Wenig subtil wird diese Namensbedeutung zweimal im Film genannt und die Unfähigkeit der Frauen zur Veränderung des festgefahrenen Konflikts ist offensichtlich. Die Figuren in den früheren Filmen Schnabels sprangen in den Fluß des Lebens und der Zuschauer wirbelte mit ihnen durch die Strömung. Miral hingegen steht schlicht am Straßenrand und betrachtet den Lauf der Dinge. 2010-11-12 10:25

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