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Still Walking

Aruitemo aruitemo. J 2008. R,B,S: Hirokazu Kore-eda. K: Yutaka Yamasaki. M: Gonchichi. P: TV Man Union. D: Yui Natsukawa, Kazuya Takahashi, You, Kirin Kiki, Hiroshi Abe, Yoshio Harada, Haruko Kato, Kohei Tanaka u.a.
114 Min. Kool ab 18.11.10

Die Wiederkehr des Verdrängten

Von Tamar Baumgarten-Noort Eine Mutter putzt mit ihrer erwachsenen Tochter Gemüse, ihre Unterhaltung plätschert vom einen Bruder zum nächsten und zurück zum Ehemann. Die beiden sind sich nah, sie nehmen kein Blatt vor den Mund, aber niemals könnte es zu einer respektlosen Äußerung kommen. Sie bereiten ein Essen vor, das die gesamte Kernfamilie zusammenführen soll – auch wenn einer von ihnen nur in Form eines eingerahmten Bildes auf dem Gruppenfoto zugegen sein wird.

Mit Still Walking erzählt Hirokazu Kore-eda die Geschichte einer Familie, die vor langer Zeit großes Leid erfahren hat – er zeigt die Erschütterungen, die dem Netzwerk der Blutsbande widerfahren, wenn einer von ihnen aus ihrer Mitte gerissen wird. Frisch ist die Wunde nicht, Junpei ist als Jugendlicher gestorben und bereits 15 Jahre tot. Was Hirokazu Kore-eda interessiert, sind Spätfolgen.

Idealerweise ist eine Familie ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfließen – gemeinsam gelebte Geschichte, Alltag und Verheißungen einer zukünftigen Generation existieren gleichzeitig. Dann geben Familien Halt, weil sie ihre Mitglieder einerseits in der Zeit verankern und andererseits auf den Wogen der Zeit nach vorne tragen.

Hirokazu Kore-eda portraitiert eine Familie, bei denen dieses Konstrukt durch eine alles beherrschende Vergangenheit in eine Schieflage geraten ist. Auf den ersten Blick ist das jedoch keineswegs ersichtlich – schließlich ist das Leiden nicht mehr akut. Still Walking zeigt einen Ausschnitt aus einem vermeintlich normalen Familienleben: Die erwachsenen Kinder besuchen ihre Eltern, es wird gelacht, Enkelkinder rennen durchs Haus. Der Vater schwätzt mit der Nachbarin, die Mutter gibt ihr Bestes in der Küche. Dennoch steht das Wochenende nicht im Zeichen eines Familienalltags, es ist eine Ehrung des Toten. Jahr für Jahr gedenken die Yokoyamas der Toten in ihrer Mitte – sie zelebrieren ihre Trauer seit langer Zeit. Inzwischen ist der Gedenktag der einzige Tag im Jahr, an dem die Familie zusammenkommt. Es ist ausschließlich die Vergangenheit, die diese Menschen noch miteinander verbindet und die Familie am Leben hält. Die Familie als Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft den Mitgliedern gleichermaßen Halt geben, ist den Yokoyamas längst fremd. Während Mutter und Tochter alte Geschichten der Jungs hervorkramen, als wären beide Brüder noch am Leben, grämt sich der Vater ganz offen, daß ihm der Lieblingssohn genommen wurde. Der Zweitgeborene Ryota ist der Einzige, der sich mit aller Macht von der Vergangenheit lösen und ein neues Leben beginnen will. Er wird nie aus dem Schatten des älteren Bruders hinaustreten können – dessen früher Tod hat seine Vormachtsstellung für alle Zeiten einbetoniert. Das Gedenken an Junpei ist für ihn vor allem ein ungleicher Wettbewerb, den er nie gewinnen kann.

Hirokazu Kore-eda zeigt in Still Walking, daß die Bewältigung eines Verlusts niemals abgeschlossen ist; vielmehr wird der Tod zu einem selbstverständlichen Begleiter. Ein allgegenwärtiger Gast, den man nicht nach Hause schickt, weil in der Trauer auch die Nähe zum Verstorbenen liegt. Hirokazu Kore-eda hat zunächst Dokumentarfilme gemacht, bevor er sich fiktionalen Stoffen zuwandte. Den beobachtenden Blick hat er jedoch beibehalten. Er schaut genau hin und verlangt das auch von seinen Zuschauern. Ihm reicht ein Blick, eine kleine Geste, um eine ganze Bandbreite an Emotionen darzulegen. Sofort spürt der Zuschauer das Unwohlsein Ryotas, wenn er plötzlich mit seinem Vater allein am Tisch sitzt. Ein Blick der Mutter reicht aus, um 15 Jahre Wut nachzufühlen, die unter einer gutmütigen Oberfläche lichterloh brennt. Kore-eda erzählt die Geschichte der Yokoyamas betont beiläufig; es sind keine Tränen nötig, keine Gedenkrituale, kein Gebet. Der Tod ist in die Familie gekommen und hat sich dort sanft gebettet. Kore-eda braucht kein Drama, um Dramatisches zu inszenieren. Vielmehr zeigt er mit dieser reduzierten Erzählweise, wie beiläufig die Trauer nach all den Jahren im Leben der Protagonisten vorhanden ist. Dennoch spürt Ryota, daß er sich der Zukunft nicht verschließen darf. In diesem Sinne enthält der Titel des Films ein Funken Hoffnung: die Familie ist nicht mitgestorben, sie steht aufrecht – es geht immer noch voran. 2010-11-15 09:31

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