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The Kids Are All Right

USA 2010. R,B: Lisa Cholodenko. B: Stuart Blumberg. K: Igor Jadue-Lillo. S: Jeffrey M. Werner. M: Carter Burwell, Nathan Larson. P: Mandalay Vision, Saint Aire Production, 10th Hole Productions, Artist International. D: Julianne Moore, Annette Bening, Mark Ruffalo, Mia Wasikowska, Josh Hutcherson, Yaya DaCosta, Kunal Sharma, Rebecca Lawrence u.a.
106 Min. Universal ab 18.11.10

Alles über meine Mütter

Von Patrick Heidmann 2010 ist ohne Frage das Jahr, in dem Hollywood – auf der Leinwand, nicht in den Klatschspalten – die künstliche Befruchtung für sich entdeckt hat. Jennifer Lopez und Jennifer Aniston wählten in Plan B für die Liebe beziehungsweise Umständlich verliebt diese moderne Art der Familienplanung, und auch The Kids Are All Right nimmt sich dem Thema an. Wenn auch unter einem etwas anderen Blickwinkel.

Während dort nämlich die Protagonistinnen in (anfänglicher) Ermangelung eines potenten Traummannes die Erfüllung ihres Kinderwunsches kurzerhand selbst in die Hand nehmen, stellt Regisseurin Lisa Cholodenko zwei Frauen ins Zentrum ihrer Geschichte, die sich ohnehin gar nicht erst auf die Suche nach Mr. Right begeben haben. Die mütterlich-verplante Freiberuflerin Jules und die leicht unterkühlt-strenge Ärztin Nick sind ein lesbisches Paar und seit Unitagen in einer glücklich erfüllten Beziehung. Die gemeinsamen Kinder stammen beide vom gleichen Samenspender – und sind selbst schon auf halbem Wege zum Erwachsensein: Laser ist 15 Jahre alt, seine Schwester Joni (Mia Wasikowska) 18 und gerade mit der High School fertig.

Der harmonische, wenn auch vielleicht etwas festgefahrene Familienalltag wird erheblich durcheinandergebracht, als die beiden Teenager beschließen, mit ihrem leiblichen Vater (Mark Ruffalo) Kontakt aufzunehmen. Paul ist ein ziemlich lässiger Typ mit Motorrad und aufgeknöpftem Hemd, betreibt ein hippes Lokal samt Biogarten und entpuppt sich als durchaus offen für den unverhofften Nachwuchs. Die Mütter sind allerdings überrumpelt bis entrüstet, als sie von der Sache Wind bekommen und ihre Kinder es nicht bei einem einmaligen Treffen belassen wollen. Als dann allerdings auch noch Jules ihre neue Karriere als Landschaftsgärtnerin ausgerechnet bei Paul beginnt und ihm dabei unerwartet nahekommt, hängt der Haussegen bald richtig schief.

Für ihren vierten Spielfilm bleibt Cholodenko einigen ihrer Grundthemen durchaus treu und widmet sich nach High Art oder Laurel Canyon abermals einer Art facettenreicher Drei- bzw. Mehrecksgeschichte. Die Unterschiede zu ihren früheren Arbeiten sind dennoch offensichtlich. Daß ihr Budget höher war als je zuvor, ist nicht zu übersehen – und für den Humorquotienten gilt, bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit, das gleiche. Auch im Hinblick auf die hochkarätige Besetzung läßt sich also feststellen: so nah am Mainstream war die Independent-Regisseurin noch nie.

Das ist in diesem Fall ausnahmsweise sogar als Kompliment zu verstehen. Der Themenkomplex Homo-Ehe/Homo-Elternschaft, ja im Grunde genommen Homosexualität ganz allgemein, steckt im amerikanischen Kino nach wie vor in Nischen und Nebenrollen fest, sofern er nicht gleich ganz ignoriert wird. Daß Cholodenko ihn leichtfüßig angeht, fernab von Didaktik oder offensichtlichen politischen Statements, öffnet ihn für ein Publikum, das vielleicht im Normalfall damit nicht in Berührung käme. Vor allem aber führt ihr Ansatz zu einer lockeren Selbstverständlichkeit, die man gerade im Queer Cinema noch immer viel zu oft vermißt.

Wer Radikalität sucht, ist bei The Kids Are All Right fehl am Platz. Zum bittersüßen Ende ist zwar nicht die heterosexuelle Norm, aber immerhin ein vergleichsweise klassisches Familienbild wiederhergestellt. Dafür wird aber jeder fündig, der kluges Unterhaltungskino schätzt. Cholodenko und ihr Koautor Stuart Blumberg haben ein Händchen für authentische Dialoge, pointierten Wortwitz und augenzwinkernden Umgang mit Klischees. Spielend bringen sie Beziehungsstreß, väterliche Überforderung und die letztlich ganz gewöhnlichen Ängste einer heutigen Teenagergeneration unter einen Hut mit Schwulenpornos und jeder Menge Rotwein.

Das praktisch makellose Drehbuch und die betörende Kameraarbeit von Igor Jadue-Lillo wären allerdings nur halb so viel wert ohne die herausragenden Schauspieler. Wasikowska, kürzlich als »Alice im Wunderland« noch in 3D unterwegs, wirkt für ihr Alter erstaunlich nuanciert, während Ruffalo als Beinahe-Klischee Klassen besser ist als zuletzt etwa in Shutter Island. Über allem aber thronen Moore und Bening, beide in Topform und eindeutig eines der glaubwürdigsten Leinwandpaare seit langer Zeit. 2010-11-15 09:31

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