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From Beginning To End

Do Começo ao Fim. BR 2009. R,B: Aluizio Abranches. K: Ueli Steiger. S: Fábio S. Limma. M: André Abujamra. P: Lama Filmes, Pequena Central de Produções. D: Gabriel Kaufmann, Rafael Cardoso, Lucas Cotrin, João Gabriel Vasconcellos, Julia Lemmertz, Fabio Assunçao u.a.
94 Min. Pro-Fun ab 11.11.10

Endlich sagt's mal keiner…

Von Matthias Wannhoff Der Eklat um Thilo Sarrazin und seine angebliche Entdeckung eines Intelligenz-Gens hat es vorgeführt: Selbst auf scheinbar abgegrasten Themengebieten ist es noch möglich, Grenzen zu überschreiten. Dies bedeutet freilich umgekehrt, daß man genausogut – oder aus Sicht der Parteipolitik: besser – ewig um heikle Themen herumlavieren kann, ohne auch nur den leisesten Gegenwind zu erzeugen. Insofern ist From Beginning To End der wohl politisch korrekteste Skandalfilm des Jahres: Im Sujet reichlich anrüchig, in der Umsetzung schrecklich verklemmt, atmet Aluizio Abranches' Geschichte von der homosexuellen Liebe zweier Geschwister den schmierigen Dunst des gnadenlos Harmlosen.

Dabei verspricht der Auftakt, der die beiden Halbbrüder Francisco und Thomás beim Aufwachsen beobachtet, durchaus viel, was vor allem auf das Konto der beiden Jungakteure geht. Immer wieder mischen sich Gesten verdächtiger Zärtlichkeit unter die spielerischen Zweikämpfe oder gemeinsamen Lümmeleien auf dem Bett, was alle drei Elternteile mit Argwohn und unheilschwangerer Miene begleiten. Nicht mehr lange, glaubt man, und diese Spannung wird sich, wenn nicht in einer Katastrophe, dann doch zumindest in einer harten Bewährungsprobe für die Sorgenkinder entladen.

Nun ist das Land am Zuckerhut nicht bloß für die Freizügigkeit seines Karnevals bekannt, sondern ebenso für die Prüderie der Telenovelas; und ähnlich zugeknöpft gibt sich auch Abranches' Film. Billige Zeitlupen und schleichende Abblenden sind nur die technischen Symptome einer Gefälligkeitsstrategie, die auf erzählerischer Ebene zum echten Problem wird: So dürfte schwule Liebe im noch immer größtenteils katholischen Brasilien bereits ein paar böse Blicke anlocken; wenn dann aber noch die Inzestschranke zwischen den beiden Liebenden schwebt, bedarf es für einen Filmschaffenden schon gehöriger Kreativität, um daraus keine Konfliktfunken zu schlagen.

Dies aber passiert hier: Nach einem großzügigen Zeitsprung, der bei Francisco und Thomás im jungen Erwachsenenalter endet, ist von den anfänglichen Spannungen nichts mehr zu spüren. Thomás' ehemals besorgter Vater hält nun tapfer zu seinen Zöglingen, die auch sonst nie unter öffentlichen Rechtfertigungs- oder Reflexionsdruck geraten, sondern an den Luxusproblemen der verliebten Mittelklasse darben: Eifersucht, Sehnsucht, Heimatflucht. So eckt der Film nicht einmal mit seiner vorgeblichen Freizügigkeit an, denn obwohl sich Abranches an Hochglanzbilder der beiden Hauptfiguren beim Intimkontakt heranwagt, wirken diese im Profil so hohl wie ihre durchtrainierten Leiber schön. Ja, wird manch einer einwenden, besteht denn das größte Wagnis nicht darin, das Verpönte zum Normalen zu erklären? Nein, denn man rüttelt nicht am Tabu einer Verhaltensweise, indem man ihren Gegenwind einfach ausblendet. Aber vielleicht war das auch gar nicht das Anliegen dieses letztlich stinkkonservativen Films. 2010-11-08 09:54

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.

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