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Plug & Pray

D 2010. R,B,S: Jens Schanze. K: Börres Weiffenbach. S: Jörg Hommer. M: Rainer Bartesch. P: Mascha Film.
90 Min. Farbfilm ab 11.11.10

Beseeltes Blech

Von Rebekka Hufendiek Ist der Mensch eine Maschine aus Fleisch und Blut? Kann ein Roboter eine Identität haben? Werden wir eines Tages ein Backup unserer Mindware erstellen können, so daß man nach einem Unfall verlorene geistige Fähigkeiten einfach wiederherstellen kann? Und sollten wir so etwas tun? Werden Roboter eines Tages unsere Altenpfleger, Psychotherapeuten und Geliebten sein? Und wollen wir das eigentlich?

Plug & Pray tritt an, die großen philosophischen Fragen zu verhandeln, die sich durch die Forschung im Bereich der Künstlichen Intelligenz und Robotik in neuer Form und mit neuer Dringlichkeit stellen. Protagonist ist der gealterte Joseph Weizenbaum, in den 1960er Jahren einer der großen Computertechnologen der ersten Stunde, später einer der radikalsten Kritiker der AI-Forschung und hier schließlich ein unermüdlicher Kauz, der in seiner Berliner Wohnung zwischen wüst gestapelten Büchern und verknäulten Kabeln über seinen Computer schimpft. Die enthusiastischen Statements zahlreicher Wissenschaftler, die gegenwärtig in den großen Laboratorien der Welt an der Technik der Zukunft arbeiten, werden in der Montage den kritischen Reden Weizenbaums gegenübergestellt: Computer könnten vielleicht mit uns sprechen, es gebe aber kein »Ich« hinter dem Bildschirm, das uns tatsächlich verstehe. Roboter könnten vielleicht eines Tages attraktiv aussehen, wären dann aber immer noch ein Materialhaufen ohne Geschichte. Und überhaupt, im Leben eines Menschen sei doch nicht alles berechenbar. Weizenbaums Bedenken gehen vom Stand der Technologie in den 1960er Jahren aus und schließen von hier auf mögliche Zukunftsszenarien. Plug & Pray verpaßt die Chance, die Bedenken seines Protagonisten mit dem zu konfrontieren, was heute in weiten Bereichen der Robotik tatsächlich geschieht und welche neuen Fragen dies in der Philosophie aufwirft: Was von Weizenbaum beim Computer als fehlendes »Ich« hinter dem Bildschirm vermißt wird, ist auch in der Philosophie als Konzept des vernünftigen Menschen reichlich aus der Mode gekommen. Andererseits hat sich auch in der Robotik das Bild davon, was Sprache und Intelligenz voraussetzen und wie man sie simulieren kann, fundamental geändert. Lernfähige Roboter spielen heute Sprachspiele im Wittgensteinschen Sinne, um in der Interaktion Bedeutung erst zu entwickeln. Roboter, die über lange Zeitstrecken Lernprozessen ausgesetzt sind, können durchaus eine eigene Geschichte haben, was diese Roboter einmal können werden, ist längst nicht mehr berechenbar, sondern unterliegt ebenso kontigenten Entwicklungsbedingungen wie menschliche Lernprozesse. Im Angesicht dieser Entwicklungen, die im Film kaum vorkommen, wirken Weizenbaums Bedenken wie angestaubte philosophische Worthülsen aus dem letzten Jahrhundert. Plug & Pray bleibt bei alldem ein recht hübsch gemachter und informativer Dokumentarfilm. Die eigentlich interessante Dimension seines Themas vermag er jedoch kaum zu streifen. 2010-11-08 09:54

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.
© 2012, Schnitt Online

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