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Somewhere

USA 2010. R,B: Sofia Coppola. K: Harris Savides. S: Sarah Flack. M: Phoenix. P: American Zoetrope. D: Stephen Dorff, Elle Fanning, Benicio Del Toro, Michelle Monaghan, Alden Ehrenreich, Laura Ramsey, Robert Schwartzman, Paul Vasquez u.a.
98 Min. Tobis ab 11.11.10

Aus der Asche

Von Eva Tüttelmann Eine staubige Trainingsstrecke außerhalb von L.A. Ein schwarzer Ferrari dreht seine Runden. Der Bildausschnitt, der nicht die gesamte Strecke faßt, bleibt unverändert; der Wagen durchquert das Bild alternierend im Vorder- und Hintergrund, während das mit verklärten Entwürfen von Männlichkeit und Freiheit aufgeladene Motorengeräusch zyklisch an- und abschwillt. Nach der zweiten Runde beginnt man sich unweigerlich zu fragen, wie lange das wohl noch so weitergehen mag – und tatsächlich tut es das länger, als man erwartet. Die Wechselwirkung des Aus-der-Kadrage-Herausfahrens und der sich verändernden Lautstärke erzeugt den Eindruck einer scheinbar unüberwindbaren Monotonie, die trotz oder vielleicht gerade wegen ihres Wellenmotivs eine gewisse Komik in sich birgt. Die Szene steht selbstredend sinnbildlich für den passiv-eintönigen Alltag des Protagonisten. Ein bißchen zu selbstredend – womit wir auch gleich beim großen Problem des diesjährigen Venedig-Gewinners Somewhere, Sofia Coppolas viertem Spielfilm, wären. Schon der Titel kommt bedeutungsschwanger und assoziationsreich daher. Und so ist es mit vielen Situationen, in denen sich die Figur von Hollywoodbeau Johnny Marco befindet: Zwei Maskenbildner verkleistern ihm nicht nur die Sicht, sondern lassen ihm kaum Luft zum Atmen, als sie ihm Modelliermasse auftragen wie fremde Patina, um anschließend etwas aus ihm zu formen, das er nicht ist. Dem Anblick der Pole-Dance-Zwillinge Cindy und Bambi und dem ganzen Rattenschwanz an Assoziationen – sich alles kaufen, aber nichts haben zu können – ist er derart überdrüssig, daß er während ihrer Performance einschläft. Den wohl wichtigsten Satz, den er im Film zu sagen hat, bringt er heraus, als seine Worte gerade vom Lärm eines Hubschrauberpropellers verschluckt werden. Es entsteht der Eindruck, als habe man sich ungemein viel Mühe gegeben, die Vielschichtigkeit der Figur und ihr Ringen mit sich selbst zu erzählen, zu unterstreichen – ein Gefühl, das leider auch die letzte Einstellung dominiert und damit einen etwas faden Nachgeschmack hinterläßt.

Dabei ist aufgesetzte Tiefgründigkeit etwas, das Sofia Coppola mit ihrem unnachahmlichen Erzählstil gar nicht nötig hätte. Im legendenumwobenen Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard kommen sich Johnny (Stephen Dorff) und seine Tochter Cleo (Elle Fanning) nach Jahren der üblichen Wochenendbesuche näher und verbringen unschätzbare Zeit miteinander, in der sie eigentlich nichts Besonderes tun. Und doch sieht man ihnen so gern dabei zu. Nach Coppolas etwas enttäuschender Knallfarben-Orgie Marie Antoinette scheint sie sich in Somewhere wieder auf ihre Wurzeln zu besinnen: auf die Magie der sich zurücknehmenden Erzählung und der überbordenden Bilder, die sie bisher in Zusammenarbeit mit einer grandiosen Kamera (im aktuellen Fall Harris Savides) und der bald raren Romantik von 35mm-Filmmaterial elektrisierend umzusetzen wußte.

Somewhere ist unterlegt mit einem Score der französischen Band Phoenix, deren Sänger Thomas Mars bereits dem atmosphärischen »Playground Love« aus ihrem Debüt The Virgin Suicides seine Stimme lieh. Coppolas einzigartiges Talent, Bilder und Situationen mit Musik zu verknüpfen – man denke an die augenzwinkernde Einführung der Figur von Mädchenschwarm Trip Fontaine zu Hearts »Magic Man«, aber natürlich auch die rührend komische Karaoke-Version von »More Than This«, die Bill Murray in Lost in Translation zum Besten gibt – macht sich auch in Somewhere bezahlt. An ihrem letzten gemeinsamen Tag im Chateau liegen Vater und Tochter entspannt auf einer Liege am Hotelpool, während die Kamera auf die langsamste aller Weisen zu Julian Casablancas' »I'll Try Anything Once« aus dem Bild herauszoomt und damit einen der schönsten Momente des Films kreiert. Selbst das eher anstrengende »Cool« von Gwen Stefani entwickelt mit den Bildern der eislaufenden Cleo und des sie stolz beobachtenden Johnny eine Sogwirkung. Somewhere ist sicher nicht Coppolas Meisterwerk, kommt er doch nicht an die hypnotisierende Wirkung heran, die The Virgin Suicides und Lost in Translation bereits jetzt zu Kultfilmen erhoben hat, dennoch ist er allemal sehenswert, fabelhaft besetzt und ein großer Schritt zurück – in die richtige Richtung. 2010-11-05 10:53

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