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South

A 2009. R,B,S: Gerhard Fillei. R,B,K,S: Joachim Krenn. K: Jarrod Kloiber. M: Sascha Selke. P: Finnworks, AdriAlpe-Media OEG. D: Matthew Mark Meyer, Claudia Vick, Sal Giorno, Tim Kirkpatrick, Jimena Hoyos, Bryan Hanna, Billy Crosby, Nina Hader u.a.
105 Min. W-Film ab 11.11.10

Die Ballade von Form und Inhalt

Von Christian Simon Der Einstieg fällt nicht leicht. Einstellungen, die eine Sekunde dauern, gehören noch zu den längeren in einem Prolog, der in seiner fragmentierten, hastigen Montage gleich vorgibt, wovon die darauffolgenden, gut hundert Minuten Spielzeit zumeist bestimmt werden. Die Regie von Gerhard Fillei und Joachim Krenn, ebenfalls die Autoren und Produzenten des über die vergangenen zwölf Jahre entstandenen South, scheint einem auffälligen visuellen Gesamtkonzept verschrieben, dem sich alles andere unterordnet. Die inhaltlichen Vorgaben dagegen, beziehungsweise die Vorbilder, die sich die beiden Österreicher für ihren Film suchten, sind streng dem gewählten Genre entsprechend. Ein Film Noir sollte es werden, oder genauer, ein Neo Noir im Stil von Christopher Nolans Memento oder David Lynchs Mulholland Drive.

Immerhin, viel weiß man nicht über die Handvoll Figuren, die den Mikrokosmos der Filmerzählung bevölkert. Da ist die hübsche Dana, die vor ihrem prügelnden Freund flieht. Da ist Al, Ladenbesitzer auf der Ludlow Street, der Dana Unterschlupf gewährt, aber ganz eigene Probleme hat. Und da ist Bruce, traumatisierte Hauptfigur des Films, der nach einem mißglückten Banküberfall und einer abenteuerlichen Flucht die Wege der beiden kreuzt. Es ist das Zufällige, das Schicksalhafte, das in den kurzen Episoden, die den Figuren aus der Biographie geschnitten wurden, zum Ausdruck kommen soll. Die Erzählweise, die zwar weitgehend linear bleibt, doch mit diversen, chronologisch nicht näher definierten Zwischenszenen versehen wurde, zeigt sich eigenwillig. Auch ein wenig mutwillig eigenwillig. Es vermischen sich Erinnerungen mit ihren Korrekturen, Nachrichtenszenen und schweißnasse Fieberträume mit dem immer wieder formulierten Wunsch nach einem Neuanfang. So wird die Haupthandlung durch Fragen aus und nach Bruce' Vergangenheit geleitet, die durch ein (natürlich mysteriöses) Tagebuch aufgeworfen und gerne mit strengem Denkerblick aus dem Off ins Nichts geraunt werden. Die Wirren der Narration sollen offenkundig das visuelle Konzept bedienen, doch kann sich diese – wohl genau dadurch – nicht dem Eindruck des Forcierten erwehren.

New York, gezeigt als rauhe, archetypische Großstadt, findet sich einer fernen, abgelegenen Orangenfarm mit dem programmatischen Namen »Garten Gottes« gegenübergestellt, gleichermaßen dem inneren Flucht- und Projektionsort des Protagonisten. Die Inszenierung übersetzt die örtlichen Gegensätze in eine gelungene, teils anstrengende Bildsprache aus Handkameraaufnahmen und kurzen Schnittfolgen, die wiederum durch den oft ruhigen Bildinhalt kontrastiert wird. Es ist eine eigenwillige, die innere Unruhe suchende Montageästhetik in sichtbar nachbearbeiteten, verfremdeten Bildern und bewußt unnatürlich gewählten Farben, die später meist auf schwarz und weiß reduziert werden. Fillei und Krenn gelingt auf diese Weise eine dichte Atmosphäre, die nicht nur über das knappe Budget der Independent-Produktion hinwegtäuscht, sondern in ihren besten Momenten auch über die Schwächen der Geschichte.

Denn inhaltlich erweist sich South mit fortschreitender Handlung leider als wenig origineller Bausatz aus Genreversatzstücken. South ist letztlich kein Film, der aus sich selbst heraus, aus seinen Figuren oder seiner Geschichte lebt, sondern sich zu einem Gutteil aus dem Genre und dem Anspruch an das Genre speist – und eben daran scheitert. Gut ist South dann, wenn die vorgebebenen Wege von Krimi und Noir verlassen werden und die klassische Antiheldenballade ein wenig außenvor bleibt. Auch die Ästhetik funktioniert am besten, wenn gerade am wenigsten erzählt und nur gezeigt wird. Alltagsmomente einzelner Figuren, Details, in denen auch das Zufällige und Schicksalhafte besser zutage tritt als in den großen Gesten und den dramatischen Konstellationen, die viel zu oft gesucht werden und zu sehr einer bestimmten Genrevorstellung geschuldet scheinen. So ist South zwar ein interessantes, handwerklich ansprechendes visuelles Experiment, aber leider nicht viel mehr. 2010-11-05 10:53

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